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Zur Inszenierung von schauspielfrankfurt:
Premiere: 28. August 08 (Großes Haus)
Regie: Urs Troller Bühne: Stefanie Wilhelm Kostüme
: Katharina Weißenborn Licht: Frank Kraus Dramaturgie: Hans-Peter Frings Regieassistenz: Benjamin Eggers Bühnenbildassistenz: Birgit Kellner Kostümassistenz: Katja Strohschneider Souffleuse: Alexandra zu Stolberg
Inspizienz: Lisa Ahle Technische Produktionsleitung: Josef Dreker Technische Einrichtung: Andreas Rasche Ton: Matthias Schmidt Maske:
Patricia Dietz, Friederike Reichel Requisite: Stefan Markert Regiehospitanz: Lisa-Sophie Achinger Dramaturgiehospitanz: Katinka Deecke
Besetzung:
Alfons der Zweite, Herzog von Ferrara: Joachim Nimtz
Leonore von Este, Schwester des Herzogs: Ruth Marie Kröger
Leonore Sanvitale, Gräfin von Scandiano: Friederike Kammer Torquato Tasso: Bert Tischendorf
Antonio,Montecatino, Staatssekretär: Oliver Kraushaar
Besprechung auf kulturfreak.de
Torquato Tasso schauspielfrankfurt Leonore Sanvitale (Friederike Kammer) und Leonore von Este (Ruth Marie Kröger) Foto: Alexander Paul Englert
Der junge, hochtalentierte Dichter Torquato Tasso übergibt seinem Mäzen, dem Herzog von Ferrara, sein neues, mit Spannung erwartetes Werk. Die Schwester des Herzogs,
Prinzessin Leonore, krönt ihn zum Dank dafür symbolisch mit einem Lorbeerkranz. Die Aufmerksamkeit, die Tasso zuteil wird, trifft auf die Missbilligung Antonios, des
Staatssekretärs von Ferrara. Er betrachtet die Ehrung als verfrüht. Tasso und Antonio geraten in einem hitzigen Wortgefecht aneinander, bei dem Tasso das Schwert zieht. Antonio
verlangt vom Herzog harte Bestrafung für Tassos Übertretung. Der Herzog erteilt dem Dichter stattdessen Hausarrest. Tasso ist gleichwohl schwer gekränkt und glaubt an eine
Verschwörung. Er will Ferrara verlassen. Ein letzter Versuch der Prinzessin, Tasso umzustimmen, endet in einer Katastrophe. Für Tasso zerbrechen eine Liebesillusion und ein
dichterisches Ideal, das ihm die Versöhnung von Kunst und Leben verhieß.
„Der Mensch ist nicht geboren, frei zu sein“ Über Goethes „Torquato Tasso“
Als Goethe 1780 beginnt, sich mit der historischen Figur des Torquato Tasso zu beschäftigen, ist er bereits seit fünf Jahren am Weimarer Hof. Als Geheimer Rat und Erzieher des
jugendlichen Prinzen Karl August trägt er politische und administrative Verantwortung. Die aufreibenden Staatsgeschäfte lassen seine künstlerische Tätigkeit fast vollständig ruhen
– abgesehen von der Lyrik, der er sich, angeregt durch seine Beziehung zu Charlotte von Stein, weiterhin widmet, und einigen von ihm konzipierten Liebhaberaufführungen am
Weimarer Hoftheater. In dieser künstlerisch für ihn krisenhaften Situation stößt Goethe auf die Gestalt des Torquato Tasso. Der italienische Renaissancedichter (1544-1595), der
zwei Jahrhunderte zuvor am Hofe von Ferrara sein episches Hauptwerk Das befreite Jerusalem schrieb, erscheint ihm als geeignete Folie, seinen eigenen Zwiespalt als Künstler
und Staatsmann in einem Drama zu reflektieren. Goethe, der später sagen wird, Tasso sei „Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch“, sieht in dem italienischen Poeten
zugleich wegen dessen angeblicher, zur Legende gewordenen unglücklichen Liebe zur Prinzessin Leonore ein Pendant – denn auch Goethes ambivalentes Liebesverhältnis zu
Charlotte von Stein sorgt für persönliche Konflikte und öffentliches Aufsehen. Die Arbeit an dem kaum begonnen Schauspiel muss Goethe jedoch zugunsten seiner Verpflichtungen
am Weimarer Hof wieder zurückstellen.
Erst 1787 wendet er sich dem Stoff von neuem zu. Mittlerweile ist er aus Weimar, wo die Beanspruchung durch die Ämter ihn künstlerisch nahezu vollständig blockiert, nach Italien
geflüchtet. Hier hofft er, in der Begegnung mit der Antike und ihrer Überlieferung durch die Renaissance zu seiner Identität als Künstler zurückzufinden. Das unvollendete Manuskript des Tasso befindet sich im Reisegepäck. Die Eindrücke der italienischen Landschaft sowie die Begegnung mit den Wirkungsstätten des historischen Torquato Tasso lassen ihn
zwischen Rom, Palermo und Messina mit neuem Elan an dem Schauspiel weiterarbeiten. Sein Blick auf die Thematik hat sich allerdings verändert. Der Konflikt zwischen der Kunst
und den gesellschaftlichen Anforderungen, der Goethe in Weimar zu zerreißen drohte, macht sich angesichts der neuen Erfahrungen nicht mehr mit derselben Schärfe bemerkbar;
auch hat sich die Beziehung zu Charlotte von Stein abgekühlt. Erneut legt er das Manuskript beiseite.
Zurückgekehrt nach Weimar wendet Goethe sich zum dritten Mal dem Text zu – es sind mittlerweile neue Ereignisse und Erfahrungen zu verarbeiten und anhand der modellhaften
Situation am Renaissancehof von Ferrara darzustellen. Die Welt ist eine andere geworden: Im Sommer 1789 hat die Französische Revolution einen Prozess eingeleitet, der die
Epoche von Grund auf verändern wird. Goethe nimmt regen Anteil am Revolutionsverlauf und beschäftigt sich eingehend mit den Folgen der revolutionären Ereignisse für die
politische Ordnung Europas. Nur zwei Wochen nach dem Sturm auf die Bastille am 14. Juli stellt Goethe seinen Torquato Tasso fertig, der 1790, zehn Jahre nach Beginn der Arbeit,
veröffentlicht wird. In diesem Werk des Revolutionssommers spiegelt sich Goethes intensive Auseinandersetzung mit den politischen und philosophischen Fragestellungen seiner
Zeit wider, wie sie am eindrücklichsten in der Französischen Revolution zum Ausdruck kamen.
Während halb Europa vom Taumel der Freiheit erfasst wird, bleibt Goethe skeptisch. Er fragt nach dem Preis der Freiheit und der mit ihr einhergehenden Verantwortung des
Subjekts. Geradezu prophetisch angesichts der weiteren Entwicklung der Revolution und der von ihr postulierten Ideale in der bürgerlichen Gesellschaft, nimmt sein Schauspiel die
in der Realität auszutragenden Widersprüche vorweg. Mit der kleinen Gruppe, die er im Torquato Tasso auf einem Lustschloss bei Ferrara versammelt, vollführt Goethe eine Art Gesellschaftsexperiment, um die Möglichkeiten und
Grenzen individueller Freiheit zu ermessen. Der von der Aufklärung als frei proklamierte Mensch, den die Revolution auf die politische Tagesordnung setzt, provoziert die Frage, ob
er denn schon reif sei für die von ihm eingeforderte Freiheit. Darf er, was er will und kann? Oder muss die Gesellschaft seiner Freiheit Grenzen setzen, um ihren Bestand nicht zu
gefährden? Wenn ja, wo liegen diese Grenzen und wer bestimmt darüber? „Erlaubt ist, was gefällt“ oder „Erlaubt ist, was sich ziemt“, so lauten die beiden opponierenden, im Dialog
zwischen Tasso und der Prinzessin geäußerten Positionen, mit denen Goethe das Problem der Freiheit in seinem Schauspiel umreißt. Was Tasso hier im Rückgriff auf ein
mythisches Goldenes Zeitalter benennt, ist eine erst zu erringende Utopie. Auch Tasso scheint dies deutlich zu sehen, wenn Goethe ihn kurz zuvor sagen lässt: „Der Mensch ist
nicht geboren, frei zu sein.“ Das heißt, Freiheit ist eine Aufgabe. Sie stellt sich mit der neuen, bürgerlichen Gesellschaft nicht gleichsam automatisch ein: Oft wird Freiheit als Zwang
empfunden, und da, wo sie durchgesetzt wird, fehlt es ihr an Verantwortung.
(Katinka Deecke (Studentin der Theaterwissenschaft an der Goethe-Universität Frankfurt), Hans-Peter Frings (Dramaturg am schauspielfrankfurt)
[© schauspielfrankfurt]
www.schauspielfrankfurt.de
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