Theater: Die Möwe
 

Die Möwe
Komödie in vier Akten

Von: Anton Čechov
Uraufführung: 17. Oktober 1896 (Petersburg)


Zur Inszenierung am Theater Bremen:

Premiere:
21. Oktober 06

Inszenierung: Michael Talke
Bühne: Barbara Steiner
Kostüme: Ellen Hofmann

Besetzung:

Polina Andreevna:
Henriette Cejpek
Irina Nikolaevna Arkadina:
Irene Kleinschmidt
Petr Nikolaevic Sorin: Georg Marin
Masa:
Friederike Pöschel
Nina Michajlovna Zarecnaja: Franziska Schubert
Semen Semenovic Medvedenko:
Andreas Krämer
Evgenij Sergeevic Dorn: Siegfried W. Maschek
Konstantin Gavrilovic Treplev: Trystan W. Pütter
Boris Alekseevic Trigorin: Alexander Rossi

Die Möwe
Theater Bremen
Franziska Schubert als Nina und Trystan W. Pütter als Kostja ( Probenfoto)
Foto: Landsberg

Wir brauchen neue Formen, und wenn es sie nicht gibt, dann brauchen wir besser gar nichts, behauptet der junge Schriftsteller Kostja. Und meint damit nicht nur neue Formen für das Theater, sondern auch neue Formen des Lebens. Alles schreit für ihn nach Aufbruch. Mit der Premiere seines ersten Stückes will er dafür ein Zeichen setzen. Unter den Zuschauern und für ihn besonders wichtig: seine Mutter Arkadina, einst umjubelte Schauspielerin, und ihr Geliebter, der viel gelesene Autor Trigorin. Doch alles geht schief: Die Vorstellung wird von den Zuschauern verlacht, und auch seine Liebe zur Hauptdarstellerin Nina wird nicht erwidert. Denn Nina liebt Trigorin, der mit ihr ein Verhältnis beginnt, das sie für Liebe hält – sie folgt ihm in die Stadt, wo sie schließlich als allein erziehende Provinzschauspielerin scheitert. Die Jahre vergehen und Kostja begräbt seine großen Ideale, wie auch die anderen Gutsbewohner ihre Misserfolge still ertragen – bis eines Tages Nina wieder auf dem Gut erscheint…

Mit Anton Tschechows Die Möwe wird am Bremer Theater bereits die sechste Inszenierung von Michael Talke zu sehen sein, der zuletzt bei Heinrich von Kleists Amphitryon Regie führte. [© Theater Bremen]

www.bremertheater.com
 


Zur Inszenierung des Theater Landungsbrücken, Frankfurt in der Übersetzung von Thomas Brasch:

Premiere:
12. Mai 06

Inszenierung: Torge Kübler
Regieassistenz: Britta Benedetti
Bühnenbild: Judith Philipp (UDK Berlin)

Mit:
Michaela Conrad, Michael Haase, Johannes Kiem, Mario Krichbaum, Sandra Lühr, Katharina Poensgen, Paddy Twinem


Besprechung


Es wird viel passieren: Medwedenko liebt Mascha, Mascha liebt Konstantin, Konstantin liebt Nina, doch Nina liebt Trigorin, der mit Irina zusammen ist, die niemanden liebt als sich selbst. Ein Reigen aus unerwiderten Sehnsüchten und nicht gelebten Leben, und zugleich: die Angst vor der eigenen Bedeutungslosigkeit, der ewige Teufelskreis zwischen den eigenen Wünschen und der fehlenden Kraft zu ihrer Verwirklichung. Alles verharrt in einer zähen Lethargie: „Landleben – Langlegen...“

Eine Clique Mittdreissiger trifft sich in einem Theater, um ein Stück zu sehen, das Konstantin, ein ehrgeiziger Jungdramatiker verfasst hat. Die Hauptrolle spielt Nina, Konstantins große Liebe. Doch das Stück fällt durch und Nina wirft sich dem bereits etablierten Schriftsteller Trigorin an den Hals. Zwei Jahre später trifft man sich wieder, und „es ist viel passiert“: Konstantin hat einen Selbstmordversuch unternommen, Nina hatte ein Kind mit Trigorin, das Kind starb, Trigorin verließ sie und kehrte zu der bekannten Schauspielerin Irina zurück, die immer noch alle nervt mit ihrem Geltungsdrang und ihrer durchschaubaren Angst vor dem Erlöschen ihres Sterns. Andererseits: es ist nichts passiert, alle rennen ihren Wünschen hinterher wie immer, alle bleiben wo und wie sie sind. Einzig Nina hat sich aus ihrem eigenen Teufelskreis befreit und einen Schritt nach vorn gewagt: sie ist eine Schauspielerin geworden, keine gute, aber immerhin hat sie ihren Traum realisiert und ihre Lektion gelernt: „Das wichtigste für jeden Menschen, ob er mit Kunst zu tun hat oder nicht, ist, dass er lernt, auszuhalten, was ihm geschieht.“ Oder ist nur ihr Teufelskreis größer geworden, in dem auch sie sich um sich selber dreht?

Die Inszenierung stellt diesen Teufelskreis in den Vordergrund und fragt nach den Bedingungen und Voraussetzungen für die moderne Biedermeierzeit, in der immer mehr Menschen auf der Flucht vor ihren eigenen Wünschen sind, auf der Flucht vor dem eigenen Selbst-Bewußtsein. Diese Fluchten nehmen unterschiedlichste Formen an: Flucht in neue Überwachungs- und Sicherheitstechniken, Flucht in immer ausgedehntere Party-Exzesse, Flucht in die neue Schwemme von Herzschmerz-Vorabendserien und Telenovelas, in die virtuelle Welt des Internet – Hauptsache Ablenkung vor existentiellen Fragen. Die diversen Fluchten vor der bewussten Auseinandersetzung mit dem eigenen Selbst zusammen mit der melancholischen Komik machen diesen Text zu einem idealen Instrument, um die Vogel-Strauß-Strategie der neuen Biedermeierzeit sichtbar zu machen. Es entwickelt sich ein melancholischer Reigen in der Ästhetik der Schwarz-Weiß-Filme der Zwanziger Jahre, inklusive musikalischer Begleitung live am Klavier.

www.moewen-chat.de: der dramatische Chatroom
Bei Landungsbrücken Frankfurt wird eine Schauspielproduktion aus dem Dunkel des Probenraumes gelöst, begibt sich bewußt aus dem ungeschützten Raum hinaus in die virtuelle Öffentlichkeit. Auf einer eigens eingerichteten Internet-Seite wird der Probenprozeß an Čechovs „Möwe“ dokumentiert und Konzeptionen und Entwicklungen zur Diskussion gestellt. Dies beinhaltet sowohl die theoretische und ästhetische Auseinandersetzung zwischen Regisseur, Dramaturg und Bühnenbildnerin in der Konzeptionsphase, als auch den Probenprozeß selbst. Dieser wird in verschiedenen Formen dokumentiert und per Chat-Forum zur Diskussion gestellt.

www.landungsbruecken.org (externer Link)

nach oben