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Zur Inszenierung des Theater Landungsbrücken, Frankfurt in der Übersetzung von Thomas Brasch:
Premiere: 12. Mai 06
Inszenierung: Torge Kübler Regieassistenz: Britta Benedetti Bühnenbild: Judith Philipp (UDK Berlin)
Mit:
Michaela Conrad, Michael Haase, Johannes Kiem, Mario Krichbaum, Sandra Lühr, Katharina Poensgen, Paddy Twinem
Besprechung
Es wird
viel passieren: Medwedenko liebt Mascha, Mascha liebt Konstantin, Konstantin liebt Nina, doch Nina liebt Trigorin, der mit Irina zusammen ist, die niemanden liebt als sich selbst. Ein Reigen
aus unerwiderten Sehnsüchten und nicht gelebten Leben, und zugleich: die Angst vor der eigenen Bedeutungslosigkeit, der ewige Teufelskreis zwischen den eigenen Wünschen und der fehlenden
Kraft zu ihrer Verwirklichung. Alles verharrt in einer zähen Lethargie: „Landleben – Langlegen...“
Eine Clique Mittdreissiger trifft sich in einem Theater, um ein Stück zu sehen, das
Konstantin, ein ehrgeiziger Jungdramatiker verfasst hat. Die Hauptrolle spielt Nina, Konstantins große Liebe. Doch das Stück fällt durch und Nina wirft sich dem bereits etablierten
Schriftsteller Trigorin an den Hals. Zwei Jahre später trifft man sich wieder, und „es ist viel passiert“: Konstantin hat einen Selbstmordversuch unternommen, Nina hatte ein Kind mit
Trigorin, das Kind starb, Trigorin verließ sie und kehrte zu der bekannten Schauspielerin Irina zurück, die immer noch alle nervt mit ihrem Geltungsdrang und ihrer durchschaubaren Angst vor
dem Erlöschen ihres Sterns. Andererseits: es ist nichts passiert, alle rennen ihren Wünschen hinterher wie immer, alle bleiben wo und wie sie sind. Einzig Nina hat sich aus ihrem eigenen
Teufelskreis befreit und einen Schritt nach vorn gewagt: sie ist eine Schauspielerin geworden, keine gute, aber immerhin hat sie ihren Traum realisiert und ihre Lektion gelernt: „Das
wichtigste für jeden Menschen, ob er mit Kunst zu tun hat oder nicht, ist, dass er lernt, auszuhalten, was ihm geschieht.“ Oder ist nur ihr Teufelskreis größer geworden, in dem auch sie sich
um sich selber dreht?
Die Inszenierung stellt diesen Teufelskreis in den Vordergrund und fragt nach den Bedingungen und Voraussetzungen für die moderne Biedermeierzeit, in der immer
mehr Menschen auf der Flucht vor ihren eigenen Wünschen sind, auf der Flucht vor dem eigenen Selbst-Bewußtsein. Diese Fluchten nehmen unterschiedlichste Formen an: Flucht in neue
Überwachungs- und Sicherheitstechniken, Flucht in immer ausgedehntere Party-Exzesse, Flucht in die neue Schwemme von Herzschmerz-Vorabendserien und Telenovelas, in die virtuelle Welt des
Internet – Hauptsache Ablenkung vor existentiellen Fragen. Die diversen Fluchten vor der bewussten Auseinandersetzung mit dem eigenen Selbst zusammen mit der melancholischen Komik machen
diesen Text zu einem idealen Instrument, um die Vogel-Strauß-Strategie der neuen Biedermeierzeit sichtbar zu machen. Es entwickelt sich ein melancholischer Reigen in der Ästhetik der
Schwarz-Weiß-Filme der Zwanziger Jahre, inklusive musikalischer Begleitung live am Klavier.
www.moewen-chat.de: der dramatische Chatroom Bei Landungsbrücken Frankfurt wird eine Schauspielproduktion aus dem Dunkel des Probenraumes gelöst, begibt sich bewußt aus dem ungeschützten
Raum hinaus in die virtuelle Öffentlichkeit. Auf einer eigens eingerichteten Internet-Seite wird der Probenprozeß an Čechovs „Möwe“ dokumentiert und Konzeptionen und Entwicklungen zur
Diskussion gestellt. Dies beinhaltet sowohl die theoretische und ästhetische Auseinandersetzung zwischen Regisseur, Dramaturg und Bühnenbildnerin in der Konzeptionsphase, als auch den
Probenprozeß selbst. Dieser wird in verschiedenen Formen dokumentiert und per Chat-Forum zur Diskussion gestellt.
www.landungsbruecken.org (externer Link)
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