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Don Pasquale Komische Oper in drei Akten
Von: Gaetano Donizetti Libretto: Giovanni Ruffini und Gaetano Donizetti
Uraufführung: 3. Januar 1843 (Paris, Theatre-Italien)
Zur Inszenierung der Komischen Oper Berlin: Deutsche Textfassung: Bettina Bartz und Werner Hintze
“Die Komödie ist böse und sehr schwarz. Vielleicht ist sie deswegen so menschlich.” (Jetske Mijnssen)
Premiere: 31. Januar 10
Musikalische Leitung:
Maurizio Barbacini Inszenierung: Jetske Mijnssen Bühnenbild: Paul Zoller Kostüme: Arien de Vries Dramaturgie: Malte Krasting Chöre:
Robert Heimann Licht: Franck Evin
Besetzung: Don Pasquale: Jens Larsen / Tilmann Rönnebeck Ernesto: James Elliott / Adrian Strooper
Doktor Malatesta: Günter Papendell / Mirko Janiska Norina: Christiane Karg / Maureen McKay Ein Notar: Ingo Witzke* / David Williams*
Chorsolisten und Orchester der Komischen Oper Berlin
[Premierenbesetzung unterstrichen, Mitglied des Opernstudios*]
Nach ihrer viel beachteten Arbeit am Opernhaus des Jahres
2009 (Opernhaus Basel, Madame Butterfly) kehrt Jetske Mijnssen zurück an die Komische Oper Berlin mit Ihrer Deutung von Donizettis komischer Oper Don Pasquale, einer »bitterbösen, schwarzen
Komödie über einen alten Herrn, der viel zu spät in seinem Leben anfängt, von der Liebe zu träumen.
«Gaetano Donizetti hat – kurz vor Ende seines Schaffens – hier noch einmal das Genre
der Opera buffa aufgegriffen und auf eine neue Höhe geführt. Äußerlich folgt das Stück zwar den Konventionen der Gattung, doch immer wieder dehnt es die damals gültigen Bühnengesetze oder
bricht sie gar. Heute gehört Don Pasquale zu einem der meistgespielten Werke des Opernrepertoires. Der alternde Junggeselle Don Pasquale verspürt auf einmal die Lust zu heiraten –
natürlich eine viel zu junge Frau. Die Auserwählte verbündet sich mit Pasquales Neffen und gemeinsam setzen sie dem »alten Bock« die Hörner auf. Die Moral von der Geschichte: Ein alter Mann
soll keine junge Frau heiraten, sonst ergeht es ihm schlecht. Aus dem stereotypen Personal dieses typischen Commedia dell’arte Stoffs werden bei Donizetti Menschen aus Fleisch und Blut.
Während einerseits die Abgründe der menschlichen Seele in drastischer, komisch-überdrehter Weise dargestellt werden und die Motive der »Jungen« im Stück sehr zweifelhaft wirken, wächst der
alte Pasquale – mit dem der Moralapostel von Damals keine Mitleid gehabt hat – zu einer fast tragischen Größe heran. Vieles von dem, was Donizetti im Text nicht explizit zur Sprache kommen
lassen konnte, übernimmt dabei die Musik. Durch sie ist die Regisseurin Jetske Mijnssen zu ihrer Überzeugung gelangt: »Ein Mensch, der vor dem Abgrund steht, und trotzdem noch einmal neue
Hoffnung schöpft: das ist doch eigentlich wunderschön. Ich liebe Pasquale!« Sie verbindet die scheinbaren Ungereimtheiten des Werkes (u. a. die so lakonische, wie kaum glaubwürdige Wendung
der Intrige zum Happy End) zu einer ungeschönten Bestandsaufnahme der conditio humana.
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Don Pasquale Komische Oper Berlin Jetske Mijnssen (Inszenierung) Foto: Hanns Joosten
Zum Inhalt:
Der alte Don Pasquale, reich, aber unverheiratet, lebt allein mit seinem Neffen Ernesto in seinem großen Haus. Doch statt sich mit einem wohlhabenden Mädchen zu verbinden, will
der Alleinerbe Norina heiraten, eine mittellose junge Witwe. Ernestos Starrsinn weckt die Lebensgeister des Onkels neu: Freund Malatesta, der Arzt, hat versprochen, sich nach einer
Braut für den reifen Junggesellen umzusehen.
Tatsächlich präsentiert Malatesta die beste aller möglichen Ehefrauen: seine eigene Schwester Sofronia, frisch aus dem Kloster, so schön wie genügsam. Pasquale ist hingerissen.
Was er nicht ahnt: Sofronia ist nur eine Rolle, gespielt von Norina, und die ganze Verheiratung eine Intrige, um ihm eine Lehre zu erteilen. Kaum ist die Ehe geschlossen, macht Norina
-Sofronia eine Kehrtwende und tut alles, um ihren Gemahl in den Wahnsinn zu treiben: Sie feiert die Nächte durch, verschleudert sein Geld und schlägt ihn zuletzt sogar offen ins
Gesicht. Verzweifelt will Pasquale am liebsten alles rückgängig machen, ja er würde sogar Ernesto seine Norina heiraten lassen, wenn das nur hilft, Sofronia wieder loszuwerden –
womit er genau da angelangt wäre, wo die anderen drei ihn haben wollten. Als man ihm die List aufdeckt, bleibt ihm nichts anderes übrig, als in den Schlussgesang mit einzustimmen:
Ein alter Mann soll keine junge Frau heiraten, sonst ergeht es ihm schlecht.
Die Oper:
Don Pasquale ist die letzte komische Oper von Gaetano Donizetti, einem der produktivsten Komponisten der Operngeschichte. Seit ihrer Uraufführung am 3. Januar 1843 in Paris
gehört sie zu den meistgespielten Opern des Repertoires.
Mit dem zu weiten Teilen selbstverfassten Text hat Donizetti einen alten Stoff mit Wurzeln in der Commedia dell’arte in die Gegenwart überführt und gleichzeitig ins Gewand der
eigentlich schon historischen Opera buffa gekleidet, einem Genre, das seine Hochblüte ein Vierteljahrhundert zuvor hatte. Die Oper spielt mit der Verstellungskunst, wirbelt echte und
vorgetäuschte Gefühle durcheinander, so dass nicht nur der Zuschauer in Verwirrung gerät, sondern manchmal auch die Figuren selbst nicht mehr zu wissen scheinen, wo ihnen
der Kopf steht. Dafür sorgt vor allem die Musik mit ihrem übersprudelnden Humor, ob in den pointierten Arien, den temporeichen Rezitativen oder den so hals- wie zungenbrecherischen Ensembles.
Manches an Don Pasquale wirkt vertraut. Einige Charaktere scheinen direkt der Commedia dell’arte entstiegen: Don Pasquale als Mischung aus Pantalone und Dottore, Norina mit
Zügen der Colombina, Ernesto als Inkarnation von Pierrot oder Leandro. Die Handlung variiert das langvertraute Thema des alten Mannes, der eine junge Frau nehmen will, wie es
beispielsweise Pergolesi in La serva padrona (Die Magd als Herrin) beziehungsweise Telemann in Pimpinone und Rossini in Der Barbier von Sevilla geschildert haben; zudem ist
Norinas Auftrittsarie auch deutlich nach Rosinas Cavatina modelliert.
Manches an der Oper wirkt aber auch befremdend. Zum einen ist das Stück quasi aus der Zeit gefallen: über ein Vierteljahrhundert liegt zwischen der Uraufführung von Der Barbier
von Sevilla und der von Don Pasquale (während im Jahr zuvor, 1842, bereits Verdis Nabucco über die Bühne ging). Donizettis Oper ist damit ein »gattungsgeschichtlich gleichsam
postumes Werk« (Carl Dahlhaus), und zwar als ein ganz bewusster Rückgriff auf die alten Formen, nämlich als »eine kalkulierte Überprüfung der Chance für die Opera buffa unter
veränderten Verhältnissen « (Norbert Miller). Das ist auch an den Rezitativen zu erkennen, die nicht mehr von einer Continuo-Gruppe, sondern vom Orchester begleitet werden und
damit schon einen Schritt in Richtung durchkomponierter Oper gehen. Die Konventionen der Opera buffa verlässt das Stück spätestens mit dem Moment, in dem Norina Don Pasquale
ins Gesicht schlägt. Denn während in der Gattung sonst kein Platz ist für Mitleid mit dem hereingelegten Alten, sind Pasquales Fassungslosigkeit und Traurigkeit hier nicht parodistisch
überzeichnet, sondern ganz wahrhaftig dargestellt. In diesem Augenblick verlieren die Figuren ihre marionettenhafte Unschuld (Miller). Die sonst aus der Buffa verbannten
moralischen Zweifel an der Intrige werden durch die betont knappe Auflösung am Schluss erst so recht hervorgerufen: »Das überaus flüchtige, beiläufige lieto fine wirkt dann auch
so schal, so aufgesetzt und falsch, wie niemals zuvor eine Schlussszene in einer opera buffa. Hier glaubt nicht einmal der Gutgläubigste an ein echtes Happy End. Die versöhnende
Kraft der opera buffa ist erloschen, die Harmonie dahin: sie hat sich endgültig ausgesungen.« (Attila Csampai) In vielen Fällen eröffnet die Musik Einsichten in die Gefühlswelt
derPersonen, die mit der geradlinigen Intrige nicht in Einklang zu bringen ist. So ist das Duett zwischen Norina und Malatesta von einer derart erotischen Energie, dass man kaum
anders kann, als eine Beziehung der beiden anzunehmen; wenn sie hingegen am Schluss gemeinsam mit Ernesto singt, erzählt die Musik von einer nicht weniger innigen Verbindung.
Zur Inszenierung:
Jetske Mijnssens Inszenierung versucht diesen Fährten nachzugehen. Die im Finale besungene »Lehre«, die dem Alten zu erteilen der eigentliche Antrieb für die Farce gewesen sei,
entpuppt sich dabei als vorgeschoben: Den jüngeren Menschen im Stück – Norina, Ernesto, Malatesta – geht es vor allem ums Geld. Norina ist leicht von Männern zu begeistern,
wenn sie nur Macht und Wohlstand ausstrahlen. Ernesto ist der »Neffe auf dem Sofa«, ein Mensch, der auf sein Erbe wartet und währenddessen nur älter, aber nicht reifer wird,
weil er sein Leben einzig auf den Moment ausrichtet, an dem er reich werden wird. Malatesta ist ein undurchsichtiger Intrigant, dessen Motive schwer zu durchschauen sind. Alle
drei sehen die Welt unter dem Motto »Life is a jungle«, in dem es ums »Survival of the fittest« geht. Bei diesem Überlebenskampf ist Don Pasquale zwar reich geworden, aber eine
Frau hat er über all dem Geldverdienen nie gefunden. So ist ihm, meint er, nur eines geblieben: Sein eigenes Prachtbegräbnis vorzubereiten und seinen Nachruhm vorzuplanen.
Folgerichtig ist seine Welt von einem monumentalen Sarg beherrscht, um den herum er seine vermeintlich letzten Tage verbringt. In diesem grotesk-makabren Umfeld erlebt er wider
Erwarten etwas Ungeahntes: Pasquale, der eigentlich schon mit dem Leben abgeschlossen hatte, verspürt den Drang nach tieferen emotionalen Schichten. »Ein Mensch, der vor
dem Abgrund steht, und trotzdem noch einmal neue Hoffnung schöpft: das ist doch eigentlich wunderschön. Ich liebe Pasquale!« (Jetske Mijnssen) Dabei ist es weniger wichtig,
dass diese Entwicklung von einer Manipulation durch Doktor Malatesta ausgeht (»Für alte Leute gibt es nur einen Vertrauten: ihren Arzt.«), sondern die Verwandlung, auf die
Pasquale sich einlässt. Jetske Mijnssen: »Vor die Wahl gestellt zwischen Selbstmordgelüsten und Viagra entscheidet er sich für Liebe und Lust und wagt sich an seinen Traum vom
nicht gelebten Leben«.
In Don Pasquale treten zwar die Typen der Commedia dell’arte auf, aber die Oper ist keine Erzählung aus vergangenen Jahrhunderten. Schon Donizetti hatte die Handlung in der
Gegenwart angesiedelt, wie aus den Dialogen hervorgeht, und dass sein ausdrücklicher Wunsch nach zeitgenössischen Kostümen in der Uraufführung nicht erfüllt wurde (also fast
zehn Jahre, bevor Verdi mit diesem Vorhaben bei La Traviata ebenfalls an den Theaterkonventionen scheiterte), zeigt nur, wie sehr seine Konzeption ihrer Zeit voraus war. Auch
heute scheint die anthropologische Konstante alter Mann – junge Frau unvermindert weiterzuwirken, ob in Fiktion (bei Michel Houellebecq, Philip Roth) oder Realität (J. Howard
Marshall und Anna Nicole Smith, Franz Müntefering und Michelle Schumann). Jetske Mijnssen: »Die Komödie ist sehr böse und sehr schwarz. Vielleicht ist sie deswegen so menschlich.«
[© Text: Komische Oper Berlin, Malte Krasting (Dramaturg)]
Karten: Kartentelefon Komische Oper Berlin: +49 (30).47 99 74 00 Montag bis Samstag 9:00 bis 20:00 Uhr, Sonntag 14:00 bis 20:00 Uhr
Preise: So – Do … 8,00 – 62,00 €, Fr + Sa … 10,00 – 72,00 €, Premiere … 12,00 – 93,00 € karten@komische-oper-berlin.de, www.komische-oper-berlin.de
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