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Interviews

Interview mit Karin Seyfried und Sean Gerard

Österreichisch-Irisches „Joint Venture“
Privat und auf der Bühne ein Traumpaar: Als der „Jimmy“ im rheinischen Miami die „Laura“ freite

Von Jürgen Heimann


Sie gelten als Traumpaar – auf der Bühne und auch privat. Obschon: Die Möglichkeiten, gemeinsam im Rampenlicht zu agieren, sind naturgemäß dünn gestreut. Da muss das Verhältnis zwischen Glück, Zufall und Vorsehung schon ein ausgewogenes sein.Und das war in diesem Jahr in Tecklenburg ja der Fall, wo man beiden für die Inszenierung des Tanzmusicals „Miami Nights“ die Hauptrollen andiente. Für Karin Seyfried und ihren Ehemann Sean Gerard eine willkommene Gelegenheit, auch künstlerisch einmal wieder gemeinsame Sache zu machen. Davon abgesehen ist das Stück für dieses österreichisch-irische Künstler-Joint-Venture noch in anderer Hinsicht von großer Bedeutung. Während der Ur-Inszenierung des Salsa-Spektakels im Düsseldorfer Capitol-Theater vor drei Jahren hatten sie sich kennen und lieben gelernt. Und in Folge läuteten dann die Hochzeitsglocken. Zu diesem Zeitpunkt war das Paar aber längst anderweitig unter Vertrag. Dass es fortan zu trauter Zweisamkeit nicht häufig langte, liegt an dem unsteten Job und somit in der Natur der Sache. Heute hier, morgen dort. Und dann das Engagement im Münsterland, das sie über Wochen hinaus wieder zusammen führte. Und da passte es auch wie die Faust aufs Auge, dass sie hier während der Aufführungsreihe ihren zweiten Hochzeitstag feiern konnten.

Der Name Karin Seyfried hat in der deutschsprachigen Musicalwelt seit Jahren einen guten Klang. Talent, Fleiß, Zähigkeit und Wandlungsfähigkeit sind die Fundamente, auf die sich ihrer Reputation stützt. Die charmante und liebenswerte Österreicherin hat die unterschiedlichsten Charaktere und Frauenpersönlichkeiten verkörpert, und das jeweils absolut authentisch und glaubwürdig. Die Fähigkeit, auf der Bühne voll und ganz in einer Rolle aufzugehen und sich damit zu identifizieren ist eine der Voraussetzungen, in diesem anstrengenden, aber auch schönen Beruf bestehen zu können. Schauspiel, Gesang und Tanz verknüpft sie, je nach Rollenprofil und Anforderung, zu einem gleichwertigen, homogenen Mit- und Nebeneinander. Diese elementaren Eckpunkte der Musicalsparte sind bei der studierten Ballerina ausnahmslos gleich umfangreich ausgeprägt.

Karin_Sean_m©Heiner Schäffer
Karin Seyfried und Sean Gerard ergänzen sich nicht nur auf der Bühne prächtig:
Sie sind auch privat ein (Ehe-)Paar.
Foto: Heiner Schäffer

Zicke, Latino-Queen und Kaiserin
Der Durchbruch hier zu Lande glückte der Wienerin als zickige „Stephanie Mangano“ in der Kölner Inszenierung des Bee Gee-Musicals „Saturday Night Fever“, um dann mit „Miami Nights“ als Latino-Queen „Laura Maria Consuela Martinez Montoya Gomez“im benachbarten Düsseldorf noch einmal ein paar Sprossen auf der Leiter der Publikumsgunst nach oben zu klettern. Den anspruchsvollen Part der Kaiserin „Elisabeth“ in dem gleichnamigen Levay/Kunze-Hit in Stuttgart meisterte die hübsche Künstlerin ebenso souverän wie jenen der Isabella Massini in der Neuauflage von Gaudi. Sie gehörte bereits zur Premierencast der Wiener „Elisabeth“-Inszenierung und stand in Folge bei Disneys „Die Schöne und das Biest“, bei „Grease“ dem „Phantom der Oper“, „La Cage aux Folles“ und „Sunset Boulevard“ (hier als „Betty“) auf der Besetzungsliste. Die Rolle der „Peggy“ in „42nd Street“ geriet zum großen Triumph. In der diesjährigen Tecklenburger Spielzeit punktete Karin Seyfried dann gleich in doppelter Mission: als „Lisa“ in „Jekyll & Hyde“ sowie als kubanische Tanzprinzessin in „Miami Nights“. Und zur Zeit ist sie in ener konzertanten Aufführungsreihe von Leonard Bernsteins „The Mass“ in Bukarest zu erleben.

Zwischen Fußballfeld und Pokertisch
Nicht minder vielseitig und wandelbar kommt ihr Ehemann Sean Gerard daher. Auch der polyglotte Ire mit dem gewinnenden, verschmitzten Lächeln ist von Hause aus ein begnadeter, diplomierter Tänzer. Zur Zeit kann man ihn beim Löwenking in Hamburg gleich in drei Rollen erleben: als „Timon“, „Zazu“ und „Ed“. Seine Karriere als Musicaldarsteller hatte Gerard im Rahmen einer ausgedehnten „Fiddler of the Roof“-Tournee durch Großbritannien begründet, sein Deutschlanddebüt gab er weiland am Bonner Stadttheater als „Claude“ in „Hair“. Danach lief der Tenor als „Jimmy Miller“ („Miami Nights“) im Düsseldorfer Capitol zu Hochform auf, um in Folge bei mehreren Produktionen in seiner Lieblingsstadt Wien seinen Mann zu stehen: in „Barbarella“, „Broadway Can Bounce“ und „Romeo und Julia“. Bei letzterer Inszenierung beeindruckte er als „Superswing“ in gleich vier Rollen: „Benvolio“, „Tybald“, Paris und „Pater Lorenzo“. Als „Judas“ machte der semiprofessionelle Kicker, der sich auf dem Fußballfeld ebenso zu Hause fühlt wie am Pokertisch, in der konzertanten Fasssung von „Jesus Christ Superstar“ im Wiener Raimundtheater eine herausragende Figur, um „nebenbei“ auch mal bei „Les Misérables“ in St. Gallen auf die Barrikaden zu steigen. Die Antwort auf die Frage nach seinem Vorbild kommt wie aus der Pistrole geschossen: „Mein Frau!“


Was sie bewegt und was sie ärgert, worauf es ihnen im richtigen Leben und auf der Bühne ankommt und was sie sich für die Zukunft wünschen, verrieten die beiden sympathischen Künstler unserem Mitarbeiter Jürgen Heimann. 

Karin, Sean, was war das für ein Gefühl, nach zwei Jahren wieder einmal gemeinsam als Laura Gomez und Jimmy Miller auf einer Bühne zu stehen?

SEAN:  Also ich kann für uns beide sagen, dass wir es sehr genossen haben. Es war aufregend und hat uns wirklich viel Freude und Spaß gemacht.

KARIN: Und es war das erste Mal, dass wir als Ehepaar zusammen in einem Stück gespielt haben.

Ihr seid ja in Düsseldorf hunderte Male in diese Rollen geschlüpft. Wisst Ihr noch genau, wie oft?

K:  Das waren ca. 430 Shows in eineinhalb Jahren für mich.

S:  Ich war zwei Jahre dabei und habe zunächst ja im Ensemble gespielt. Als Jimmy Miller dürften es für mich so um die 250 Vorstellungen gewesen sein.

Wer also könnte es besser beurteilen als Ihr: Was war in der Tecklenburger Inszenierung von „Miami Nights“ anders als in Düsseldorf? Was fandet Ihr besser oder vielleicht nicht so gut?

S:  Die Rollen waren zurück haltender ausgelegt, nicht so überzeichnet. Bei den Charakteren wurde nicht ganz so dick aufgetragen, sodass sie mitunter wie eine Karikatur wirkten.

K: Es gab auch keine Drehbühne. Da war ich sehr gespannt, wie Dean (Welterlen) und Doris (Marlies) das umsetzen würden.

S:  Ja, Doris hat eine tolle Choreographie gemacht. Ich würde gerne wissen, wie das auf einem richtigen Tanzboden ausgesehen hätte. Der Untergrund in Tecklenburg bestand ja aus Holz und Stein. Das war sehr schwierig bei Regen – und auch sehr gefährlich.

K:  Und dann war die Bühne natürlich viiiiiiel größer als in festen Häusern und musste entsprechend ‚bevölkert’ werden. Deshalb waren auch erheblich mehr Darsteller in Aktion.


Kubanischer Akzent mit Wiener Einschlag

Konntet Ihr auf Eure Erfahrung aus Düsseldorf aufbauen, oder musstet Ihr die Rollen, weil der Regisseur dieses oder jenes vielleicht anders sah und anders anpackte, neu erfinden bzw. aufbauen?

S: Es war toll mit Dean zu arbeiten. Er hatte neue Ideen und war trotzdem begeistert und offen dafür, was wir ihm angeboten bzw. vorgeschlagen haben.

K: Ich habe die Laura bei der Welturaufführung in Düsseldorf ja quasi mit geboren, wenn man das so sagen darf. Meine neue Herausforderung bestand diesmal darin, den kubanischen Akzent des Mädels so rüber zu bringen, dass es nicht aufgesetzt wirkte. Und ich war sehr froh (und verblüfft), als sich einige Zuschauer nach der Vorstellung darüber wunderten, dass die Laura privat ja völlig akzentfrei spreche. Okay, vielleicht mit etwas Wiener Dialekt…..

Die Inszenierung war ein Riesenerfolg und trat sehr schnell aus dem Schatten des wesentlich bekannteren „Jekyll & Hyde“ heraus. Zur Premiere kamen sogar deutlich mehr Besucher. Habt Ihr mit dieser Entwicklung gerechnet?

K. Nein, ich wirklich nicht. Zumal Kollegen mir geschildert hatten, wie überschwänglich ‚Les Misérables' im vergangenen Jahr vom Publikum aufgenommen worden war. Da habe ich, ehrlich gesagt, dem diesjährigen ‚Zweitstück’ nicht so eine enorme Resonanz zugetraut. Aber ich habe mich gerne eines Besseren belehren lassen (lacht).

S: Ich war mir von Anfang an sicher, dass Miami Nights die Leute begeistern würde. Es passte in dieser Konstellation einfach perfekt auf diese große Bühne.

Karin, Du warst ja hier in gleich zwei Hauptrollen zu sehen. Einmal als Lisa in J&H, und dann eben als Laura. War das nicht etwas viel auf einmal?

K: Auf gar keinen Fall. Das hat mich richtig gefordert und in Anspruch genommen. So etwas macht wir Spaß. Zumal es sich ja auch um zwei völlig verschiedene Frauenfiguren handelte, was es noch einmal interessanter für mich gemacht hat. Ich hab’ es richtig genossen. Das waren super Kollegen und tolle Regisseure. Und Tecklenburg hat mich in den drei Monaten, in denen ich hier war, ganz einfach verzaubert.


„Wir haben uns in Tecklenburg wie zu Hause gefühlt“

Es war das erste Mal für Euch Beide, dass Ihr auf Deutschlands größter Freilichtbühne gespielt habt. Euer Kollege Patrick Stanke behauptet ja inzwischen, Tecklenburg mache süchtig. Wie seid Ihr aufgenommen worden?

S: Wie Karin schon sagte, alle hier waren wirklich sehr freundlich und total nett. Und das gilt nicht nur für die unmittelbar an der Produktion beteiligten Leute. Ein außergewöhnliches familiäres Klima. Wir haben uns wie zu Hause gefühlt, und das ist nicht nur so daher gesagt.

K: Manchmal habe ich mich wie 'ne kleine Berühmtheit gefühlt. Wir sind durch das Städtchen gegangen und wurden erkannt. Die Leute haben getuschelt. Okay, Sean hat das nicht so mitgekriegt…

S: Echt? Das ist mir gar nicht aufgefallen.

Ihr beide seid ja hervorragende Tänzer. In der nächsten Saison setzen die Tecklenburger „Footloose“ auf den Spielplan. Wäre dies nach „MN“ nicht auch etwas für Euch?

K: 'Mozart' kommt ja auch….

S: Ich würde wirklich sehr gerne wieder in Tecklenburg spielen. Vielleicht als 'Ren' bei 'Footloose'. Mit etwas Glück, wer weiß….!

Wechseln wir mal ins Private: Kennen- und lieben gelernt habt Ihr Euch während Eures MN-Engagements in Düsseldorf.

S: Ja, und deshalb hat das Stück für uns auch eine ganz besondere Bedeutung. Wir sind während unserer Düsseldorfer Zeit ganz dicke Freunde geworden. Und diese Freundschaft ist auch die starke Basis für unsere Ehe.

K: Für mich war es besonders schön und eindrucksvoll, als Ehepaar MN zu spielen.

Ihr beiden habt ja während der inzwischen zu Ende gegangenen Spielzeit im Münsterland Euren zweijährigen Hochzeitstag feiern können. Normalerweise seht ihr Euch ja wohl nicht so oft wie während dieser Sommerspielzeit ….

K: Na ja, einfach war es auch hier nicht, da Sean parallel noch beim ‚König der Löwen’ spielen musste. Allerdings haben wir uns am Hochzeitstag ein romantisches Mittagessen gegönnt….

S: ..und zwar im Hotel Bismarckshöhe. Und Karin hat mich mit 20 roten Rosen überrascht.

Euer Beruf ist ja jetzt nicht gerade familien-/beziehungsfördernd bzw. –erhaltend. Wie geht Ihr damit um, wenn Sean beispielsweise ein Engagement in Hamburg hat, während Du Karin in Stuttgart auf der Bühne stehst und Ihr Euch möglicherweise wochenlang nicht seht? Ist das nicht eine immense Belastung für Eure Ehe? Die Handy-Provider freuen sich bestimmt….

K: Das stimmt. Wir haben aber einen Duo-Vertrag, das macht die Handyrechnung kalkulierbar. Wenigstens leben wir jetzt schon mal im selben Land! Hi,hi. Sean ist im April endlich von Wien nach Hamburg umgezogen.

S: Trotzdem kamen wir auch bisher sehr gut zurecht. Man braucht natürlich Vertrauen und muß viel, viel miteinander reden. Manchmal hat man sich am Telefon mehr zu sagen, als wenn man zusammen lebt und sich gegenüber steht.

Euer Job hat, wie alle anderen auch, seine Schatten- und Sonnenseiten. Wo liegen die Nachteile, wo die Vorteile? Und: Habt Ihr es jemals bereut, diesen Weg eingeschlagen zu haben?

K: Wir haben beide unser Hobby zum Beruf machen können, und das ist wunderbar.

S: Doch, wenn man mal eine schlechte Show hat, dann nimmt man es auch mit nach Hause ins Private. Man kann so etwas nicht einfach beim Bühnenausgang abgeben.


Co-Pilot beim Putzen

Sean kocht gerne und gut, Du assistierst ihm in der Küche. Ist das auch in anderen Bereichen so?

S: Beim Putzen und beim Autofahren!

K: Ja, Sean ist der beste Co-Pilot.

Wer von Euch ist der bessere UNO- bzw. Backgammon-Spieler?

K: ICH!

S: ICH!
Dass Ihr gemeinsam in einer Produktion verpflichtet seid, ist für Euch und andere Musical-Paare ja wohl die ganz große Aufnahme und, ich denke, man kann es so sagen, ein großer, persönlicher Glücksfall. Wie hat sich das ergeben?

K: Das war eigentlich wie immer. Wir haben ganz normal an den Auditions teilgenommen und man hat uns engagiert. 

„Miami Nights“ lebt ja auch von den großen Chartstürmern der 80er Jahre. Ist das auch die Musik, die Ihr privat gerne hört, oder liegen die Präferenzen da etwas anders? 

S: Ich steh' eher auf R&B!

K: Ich mag' die Musik der 80-er zwar sehr, aber zu Hause genieße ich doch lieber etwas Souliges.

Karin, Du hast mir seinerzeit in Düsseldorf einmal gesagt, eine Deiner großen Wunschrollen wäre „Elisabeth“ Dieser Traum ist ja inzwischen, siehe Stuttgart, für Dich in Erfüllung gegangen. Gibt es inzwischen neue Ziele bzw. Träume? Was wäre in dieser Hinsicht für Dich erstrebenswert?

K: Neue Traumrollen? Davon gibt’s zum Glück genug. Ich nenne einmal 'Sweet Charity', 'Spiderwoman' oder die 'Roxy' aus 'Chicago'.


Sehnsucht nach dem Ga-Ga-Land

Und für Dich, Sean?

S: Also, mich würde es reizen, bei 'Blood Brothers' einen der Brüder zu übernehmen. Aber noch mehr interessiert mich die Figur des 'Galileo' in 'We will rock you“ oder die des 'Ren' in 'Footloose'.

Wie sehen kurzfristig Eure weiteren Pläne und Engagements aus? Sean ist ja immer noch in Hamburg beim König der Löwen. Und Du, Karin, wo wird man Dich demnächst erleben können?

S: Karin bestreitet eine Konzertreihe von Leonard Bernsteins 'The Mass' in Bukarest. Und ich bin weiterhin beim ‚König der Löwen’ in Hamburg sowie zwischendurch bei 'Les Miserables' in St Gallen unter Vertrag.

Karin, um einige Deiner Rollen abzuarbeiten: Die Kaiserin Elisabeth war selbstbewusst und stolz, Stephanie Mangano (Saturday Night Fever) zickig und karrierebewusst, Isabella (Gaudi) eine raffinierte Verführerin und Laura Gomez (Miami Nights) liebenswert und nett. Welche Eigenschaften davon glaubst Du, gehören wirklich zu Dir? Oder soll Sean da lieber antworten?

K: Das ist ja interessant. Die Antwort überlasse ich aber lieber meinem Mann!

S: Oh, oh! Selbstbewusst und stolz ist sie durch ihr österreichisches Blut. Karrierebewusst auf jeden Fall, zickig nein, raffinierte Verführerin nur für mich und liebenswert und nett für die ganze Welt. Von allen 4 Rollen etwas.

Die Rolle des smarten, ehrlichen Jimmy Miller mit dem gewinnenden Lächeln scheint Sean ja auf den Leib geschrieben bzw. ins Gesicht geschnitten zu sein. Er ist, wenn man so die Diskussionen und Beiträge in diversen Internetforen und auf Fanseiten verfolgt, offenbar ein Frauen- und Mädchenschwarm. Macht Dich das eifersüchtig, Karin?

K: Aber nein! Naja, vielleicht doch ein kleines bisschen. Für eine Beziehung ist es gesund, wenn man weiß, dass es ‚Konkurrenz’ gibt. Dann wird die Partnerschaft nicht selbstverständlich. Fest zu stellen, dass andere Frauen Sean ebenfalls attraktiv finden, er aber immer mich wählt, dass ist ein schönes Kompliment.

Es gehört ja heuer fast zum guten Ton: Nahezu jeder Künstler hat eine eigene Internetpräsenz. Ihr verzichtet auf so etwas. Warum?

S: Wir haben schon oft darüber nachgedacht. Aber wenn wir schon eine eigene Homepage ins Netz stellen, dann müsste sie wirklich richtig professionell gestaltet sein.

K: Einige Fans haben es mir schon angeboten. Sean ist aber mit einer Info-Seite online: www.sean-gerard.at.gg


„Das Urteil des Publikums zählt für uns allermeisten“

Künstler, die täglich vom Rampenlicht beleuchtet werden, stehen ja mehr oder weniger unter permanenter Beobachtung. Wie geht Ihr mit Kritik um? Den ein oder anderen Verriss hat es sicherlich schon gegeben….

S: Geschmäcker sind zum Glück verschieden! Karin und ich analysieren natürlich genau, wie man über uns urteilt. Und dann geht es darum, was nimmt man davon an, also, was ist berechtigt, und was nicht. Wir fragen uns, was sollten wir vielleicht künftig anders machen und was sollte genau so bleiben, wie es ist.

K: Am allerwichtigsten sind aber die Reaktionen des Publikums, also der Menschen, für die man eigentlich auf der Bühne steht. Was der Zuschauer sagt, ist entscheidend, nicht so sehr die Meinung der Feuilletonisten. Und deshalb freuen wir uns auch immer über Post von Theaterbesuchern, sei sie nun lobend oder tadelnd. 

Apropos Kritik(er): Bei vielen Feuilleton-Vertretern scheint ja die Meinung vorzuherrschen, ein Stück müsse immer auch eine (möglichst tiefe) Botschaft transportieren. Je ernster und getragener (oder auch verquerer), desto besser. Wie seht Ihr das als Künstler? Ist das Sinn, Zweck und Bestimmung des Theaters? Oder anders gefragt: Was macht Euch mehr Spaß bzw. fordert Euch mehr heraus, eine leichte, lockere Inszenierung, oder eher etwas in Richtung Drama?

S: Nicht jeder kann’s lustig. Frag' einen guten Schauspieler. Der behauptet, nur die Besten könnten auch komisch sein. Mir persönlich macht es ja auch viel Spaß, Leute zum Lachen zu bringen. Aber genau so wichtig ist es für mich, wenn ich Menschen emotional packen und berühren kann.

K: Ich finde, sowohl das Lustige, als auch das Traurige haben ihre elementare Daseinsberechtigung - gerade auch im Theater. Darin spiegelt sich auch das reale Leben wider. Der Mensch braucht Beides. Ein leichtverdauliches, lockeres Stück, nachdem der Besucher beschwingt nach Hause geht, und eine Inszenierung, die ihn aufwühlt bzw. zu Tränen rührt, sind absolut gleichrangig.


„Man braucht in diesem Job ein starkes Selbstbewusstsein“

Die Konkurrenz in der Musicalszene ist ja in den vergangenen Jahren wesentlich größer geworden. Herrscht unter den Künstlern Ellenbogenmentalität und Kampf jeder gegen jeden um die besten Jobs, oder überwiegen Kollegialität und Miteinander?

K: Wie in jedem anderen Job gibt es auch bei uns solche und solche Kollegen.

S: Man braucht in diesem Beruf auf jeden Fall ein starkes Selbstbewusstsein.

In diesem Zusammenhang: Haben die Casting- und Superstar-Such-Shows im Fernsehen der Branche irgendetwas gebracht bzw. sie beflügelt? So nach dem Motto: Frisches Blut usw…..Oder schadet das Eurem Berufsstand eher?

K: Ich finde, sie schaden uns eher. Das Level sinkt. Andererseits wird so aber auch Interesse am Genre geweckt. Vielleicht finden so auch Leute den Weg ins Theater, die sonst nie gekommen wären.

Ein Wort zu den Ticketpreisen. 100 Euro und mehr pro Karte werden mitunter verlangt – und sogar bezahlt. Andererseits klagen viele Produzenten über zurückgehende Besucherzahlen.

K: Nun, niedrigere Preise - mehr Publikum.

S: Ja, aber dann besteht auch die Gefahr, dass die Qualität leidet.

Was müsste sich Eurer Meinung nach ändern, damit mehr Leute den Weg ins Theater finden?

S: Bei uns gibt es zu wenig TRIPLE THREADS - Sänger, Tänzer und Schauspieler in Personalunion. Früher gab es mehr Musicals, in denen das alles verlangt wurde. Und das Publikum erwartet das eigentlich auch. Heutzutage aber werden meistens nur noch zwei dieser Kategorien bedient.

K: Stimmt. Doch wenn ‚Otto-Normal-Verbraucher’ Sänger hören will, dann geht er in ein Konzert oder in die Oper. Interessiert er sich für Tanz, fühlt er sich im Ballett oder bei ‚Lord of the Dance’ vielleicht besser aufgehoben.
Ich würde am liebsten eine Musical-Show im Fernsehen machen, so wie es früher die wirklich großen und guten Entertainer praktiziert haben. Mit Sketchen, kleinen Dokus, Backstage-Interviews und diversen Gesangs und Tanzeinlagen. TRIPLE THREADS! Wenn das Fernsehen das Genre Musical ernster nehmen und ihm die Aufmerksamkeit schenken würde, die es eigentlich verdient, kämen auch wieder mehr Menschen zu uns. Was aber eher kontraproduktiv ist, sind mit heißer Nadel gestrickte Musical-Sendungen und –Shows, in denen man schon an der Moderation erkennt, dass die Leute wirklich keine Ahnung (und kein Interesse) haben.

Vielleicht noch ein Wort zu den Fans: Es gibt ja solche und solche. Ist das eine lästige Begleiterscheinung Eurer Tätigkeit, oder freut Ihr Euch, wenn andere Menschen Anteil an Eurer Arbeit nehmen

S: Es ist immer schön, Fans zu treffen. Ihr Feedback ist uns wichtig. An dieser Stelle auch ein riesiges Dankeschön an meine Wiener Fans. Was mich manchmal jedoch ziemlich irritiert, ist, dass manche mehr daran interessiert sind, wie Du Dich privat (zu Ihnen) verhälst, als an dem, was Du auf der Bühne zeigst. Doch das sind dann zum Glück nur Ausnahmen.

K: Ja, meistens freuen sie sich, Dich zu treffen, etwas zu quatschen oder noch ein Foto zu machen. Warum nicht? Das gehört einfach dazu und ist in gewisser Hinsicht ja auch Bestätigung. Unser Leben und unser Beruf ist doch eigentlich echt toll“ .

Das Interview:

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Adrian Becker
Foto: Heiner Schäffer

Paradiesvogel mit Mut zum Risiko: Adrian Becker über High Heels, Kochkunst und Schwangerschaft
Von Jürgen Heimann

Er ist eine schillernde Figur, ein „Paradiesvogel“, der selbst im schrill-bunten Musical-Business noch Schatten wirft. Ein Verwandlungskünstler mit vielen Gesichtern, unstet, flüchtig und immer auf der Suche nach neuen Herausforderungen. Ein disziplinierter Arbeiter mit dem Hang zum Extremen, Außergewöhnlichen. Einer, der sich irgendwie nicht einordnen lässt, den man in keine Schublade pressen kann und der immer für die ein oder andere Überraschung gut ist. Adrian Becker ist seit fast 15 Jahren im Geschäft, also schon so etwas wie ein „alter Hase“. Mit konstanten Leistungen, Selbstbewusstsein, Ausdauer und Zielstrebigkeit hat er es - auch Dank eines großen Koffers voller Talent - geschafft, sich in diesem schnelllebigen, Personal verschleißenden Theater-Circus zu behaupten und sich einen festen Platz zu sichern.
Viele nette Kolleginnen und Kollegen hat er, seitdem er 1993 seine Neigung zum Beruf gemacht hatte und sich als Ensemblemitglied der Ufa-Revue im Berliner Theater des Westens anschloss, kommen, gehen und in der Versenkung verschwinden sehen. Er ist immer noch da. Und wird es, geht es nach ihm, auch noch eine ganze Weile bleiben.

Der zweifache Preisträger des Bundeswettbewerbs für Gesang hat sich an der renommierten Universität der Künste in Berlin sein handwerkliches Rüstzeug geholt und dort den Studiengang Musical/Show mit Diplom abgeschlossen. Seitdem ist man ihm in den unterschiedlichsten Rollen begegnet. Mal gibt er den Kotzbrocken, mal den Charmeur. Dann ist er der Rock’ n’ Roller oder der Casanova. Sein Faible für Travestie brachte ihn zwangsläufig hinter Gittern – nämlich in den „Käfig voller Narren“. In „La cage aux folles“ machte Becker unlängst in Koblenz in der Doppelrolle Albin/Zaza eine hervorragende Figur, hatte daselbst aber auch schon zwei Jahre zuvor als „Frank ‚n’ Furter in der Rocky Horror Show brilliert. Die liebt er nicht erst, seitdem er in dem Stück in Berlin den „Riff-Raff“ gab. Bei „Cats“ in Stuttgart schnurrte Adrian B. als Munkustrap und Rum Tum Tugger, bei „Joseph“ in Essen ließ er als rockender Pharao die Wutz raus.

Loses Mundwerk
Zwischendurch, vor- und nachher, schlüpfte der umtriebige Künstler noch in so unterschiedliche Rollen wie die des Danny in „Grease“, des Scrooge und des Marley im „Geist der Weihnacht“ oder des Tom in „Blue Jeans“ Trotz einer ziemlich lückenlosen Bühnen-Vita findet der Mann aber immer auch Zeit, andere Baustellen zu eröffnen, von diversen CD-Einspielungen, seine eigene, 2004 erschienene Solo-Scheibe “Cookies & Cream“ inklusive, .ganz zu schweigen. Mit den „Musicalstars“ ist er, begleitet von einem großen Orchester, Seite an Seite mit so phantastischen Kollegen wie Anke Fiedler oder Martin Berger regelmäßig landauf, landab unterwegs, gilt aber auch als Moderator als gefragter Mann. In diesem Job kommt ihm sein lockeres Mundwerk und die Fähigkeit, sich mit traumwandlerischer Sicherheit auf die jeweiligen Befindlichkeiten der Zuhörer einstellen zu können, zu Gute.
Und Adrian Becker mischt, wenn man ihn von der Leine lässt, jeden Saal auf und verwandelt diesen in ein Tollhaus. Was darunter zu verstehen ist, davon hatten in diesem Jahr die Besucher der traditionellen Tecklenburger Pfingstgala einen kleinen Eindruck gewinnen können. Ganz nebenbei wagte sich Mann auch noch an „Sinn für Stil“, den klassischen Prinzessin-Amneris-Song aus „Aida“. So viel zu oben erwähnten „Mut zum Wagnis“.

Apropos Tecklenburg: Auch dort ist Adrian Becker längst kein Unbekannter mehr. In der Saison2004 stand er hier als Bill Callhoun und Lucentio in „Kiss me, Kate“ auf den Brettern. Und in diesem Jahr meldete er sich im Münsterland zurück. In „Miami Nights“ der Zweit-Inszenierung der Freilichtspiele, mimte Becker den selbst- und whisky-verliebten Parketthengst „Roy Fire“. Eine Rolle, die viel komödiantisches Talent erfordert und ihm wie auf den Leib geschneidert schien. Der gebürtige Saarlouiser stand unserem Mitarbeiter Jürgen Heimann im Interview Rede und Antwort und plauderte selbstbewusst und schlagfertig über hohe Schuhe, schlechte Hotels, Trittbrettfahrer, Mark Medlock als „Aida“, Whitney Houston, Randgruppen und Frauenkleider.


Du hast ja schon in einer ganzen Latte von Produktionen mitgespielt. Was war bzw. ist dein Favorit/Lieblingsstück gewesen?

Diese Frage wurde mir schon oft gestellt und ich hab mich mit der Antwort immer sehr schwer getan. Natürlich gab es Stücke und Rollen, die mir mehr oder weniger Spaß gemacht haben, aber letztendlich hat mein Hirn es so organisiert, dass bei mir nur die schönen Erinnerungen hängen bleiben. Seit einigen Jahren kann ich wirklich sagen, dass es immer gerade das Stück ist, das ich aktuell spiele. Zurzeit fühle ich mich in „La Cage aux folles“ sauwohl und gehe mit großer Freude zur Arbeit.

Gibt es eine Traumrolle für dich?

Glücklicherweise hatte ich die große Freude, bisher schon die ein oder andere Traumrolle spielen zu dürfen. Sicherlich gehören der Frank'n'Furter und Zaza dazu, aber auch bei einer Welturaufführung am Berliner Friedrichstadtpalast die Haupt- und Titelrolle zu entwickeln und als Casanova die größte Revuebühne Europas besingen zu dürfen war eine wunderbare Aufgabe.

Warum nicht mal die Christel von der Post?

In welchem Stück würdest du gerne mal mitspielen?

Na, da gibt es schon noch das ein oder andere Werk, das mich interessiert. Den Javert in „Les Mis“ möchte ich da zuerst nennen. Den Conférencier in „Cabaret“, Herodes in „Jesus Christ Superstar“, Molina in „Kuss der Spinnenfrau“, „Colloredo“ in Mozart und, wenn es schnell geht, auch noch den Berger aus „Hair“. Frank´N´Furter und Zaza´s darf man mir grundsätzlich immer anbieten. Außerdem finde ich ja auch Operetten ganz toll. Den Leopold im „Weißen Rössl“ zum Beispiel oder die Christel von der Post aus dem „Vogelhändler“. Ach, da gibt es noch so viel zu tun. Ich freu mich drauf!

Favorisiert du leichte Stücke oder dürfte es ruhig ab zu bzw. öfters mal etwas Ernsteres mit mehr Tiefgang sein?

Es kann alles dargestellt werden.

Hast du berufliche Vorbilder?

Nö.

Von wem hast du am meisten gelernt?

Vom Leben.

Hobbies?

Dafür habe ich eigentlich keine Zeit. Ich habe ja meinen Beruf zum Hobby gemacht. Und wenn ich dann noch Langeweile haben sollte, lade ich mir gerne Gäste ein. Vielleicht ist Kochen ein Hobby von mir. Ansonsten: Köperpflege.

Welche Art von Musik hörst du in deiner Freizeit? Was hat dich dazu bewogen, die Laufbahn eines Musicaldarstellers einzuschlagen? Sind der Job/die Arbeitsbedingungen/der Konkurrenzkampf untereinander schwieriger/heftiger geworden als vor, sagen wir, zehn Jahren, als du anfingst?

Auch wenn es ungewöhnlich scheinen mag, aber ich höre in meiner Freizeit relativ wenig Musik. Ich habe dann auch gerne mal Ruhe um mich herum. Aber wenn ich ein paar Namen nennen soll, fallen mir Jamie Cullum oder Michael Bublé ein. Ganz großartig finde ich im Moment auch Mika. Na, und Robbie, die alte Socke, will ich natürlich auch nicht vergessen.
Das größte Drama in der aktuellen Musikgeschichte ist für mich, den Verfall von Whitney Houston mitzuerleben. Was war das eine schöne Frau und eine großartige Sängerin, und jetzt das! Kann da bitte mal irgendjemand was machen?!

Konkurrenzkampf: Natürlich gibt es Konkurrenz, aber ich kämpfe nicht gerne. Ich war Zivildienstleistender! Ich kann besser mit Waffeln als mit Waffen.
Ich glaube ja fest daran, dass ich immer die Rolle bekommen werde, die momentan richtig für mich ist. Insofern gönne ich allen Kollegen von ganzem Herzen ihre Rollen und versuche negative Gefühle wie Konkurrenzkampf aus meinem Kopf zu verbannen. Übrigens erfolgreich.
Vor zehn Jahren sah das allerdings etwas anders aus. Neu auf dem Markt, wusste ich noch nicht so genau, wo ich stehe und wo meine Qualitäten liegen, und habe erst einmal alles und jeden als Konkurrenten gesehen. Ach wie anstrengend. Nö nö. Darauf hab ich keine Lust mehr.
Gerade habe ich allerdings erfahren, wer die Zaza in Baumanns „La Cage“- Inszenierung am Gärtnerplatz spielt. Ich bin es nicht! Ich bin sooooooooo neidisch!

„Ich bin keine Randgruppe?“

Sieht man mal von Joseph oder Cats ab, sind bzw. waren es ja nicht immer die so genannten großen Hochglanz-Longruns, in denen du mitgemacht hast. Man trifft dich eher in den kleineren Inszenierungen. Hat das einen besonderen Grund? Bist du dahingehend ein „Nischen-Künstler“? Magst du es lieber ein Nummer kleiner?

Ein „Nischen-Künstler“? Das ist ja mal ein toller Begriff. Bin ich schon wieder 'ne Randgruppe?
Nein, so hab ich das bisher nicht gesehen. Ich habe es immer so gehalten, dass ich nach einem Jahr mit einer 8-Show-Woche wie bei Cats, Joseph, Grease oder Casanova gerne in Stadttheaterproduktionen gespielt habe, um meinen jugendlichen Körper auch mal durchatmen zu lassen und nicht jeden Abend ran zu müssen.
Und jeder, der mich kennt, weiß, dass ich es in keinem Fall „eine Nummer kleiner“ mag. Warum auch? Weniger ist weniger, und wo ich bin, ist nicht wenig!

Die vielen Gesichter_m

Verwandlungskünstler: Die vielen Gesichter des Adrian Becker.
Foto: Archiv

In dunklen Bars mit Jim Beam

Wie bereitest du dich auf eine Rolle vor (Literatur, historischer Hintergrund usw.)?

Die umfangreichste Recherche hab ich wohl für „Casanova“ gemacht. Da gab es aber auch wunderbares Material aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln. Wer übrigens mal eine tolle Biografie lesen möchte, dem kann ich nur wärmstens die des Casanova empfehlen. Was der Mann erlebt hat. Sehr spannend.
Und um mich auf meine Rolle als „Roy Fire“ in Miami Nights vorzubereiten, saß ich häufig in dunklen Bars und freundete mich mit der Familie des Jim Beam an.

Und: Mit welcher Rolle hast du dich am meisten identifizieren können? Wie gehst du mit Kritik um – sei sie nun berechtigt oder nur boshaft?

Hier antwortet ein Perfektionist. Ich bin mein eigener, größter Kritiker. Neulich fragt mich eine Kollegin, ob ich denn mit meiner Leistung bei der Vorstellung zufrieden sei. Da wurde mir bewusst, dass ich wirklich ganz selten von mir sage: Das hast du gut gemacht!
Aber das will ich jetzt mal ändern. Damit stehe ich mir selbst im Weg, und das ist ja auch blöd!
Wenn eine Kritik gut ausfällt, freue ich mich wie ein kleines Kind, aber wehe, es wird mal schlecht geschrieben. Das trifft mich dann, und ich mache mir lange Gedanken darüber, woran das gelegen haben mag und frage mich, ob es in meiner Verantwortung lag oder nicht.
Den Kollegen, die von sich behaupten, dass Kritiken sie kaltlassen, glaub ich nicht.


Düüüüüüggöe össsüp etaaaaaa blablablup

Die klassische Gretchenfrage nach deiner größten Panne auf der Bühne.

Ach, gaaaanz schlimm. Ich war Munkustrap bei“ Cats“. Bei einem Solo sollte ich als Obermiezekatze das ganze Ensemble und das Orchester unterbrechen, um dann alleine wieder anzufangen und den Song zu Ende zu singen. Das tat ich auch. Die waren dann auch alle still, wie Ihnen geheißen. Der Dirigent war in „Hab-Acht-Stellung“ und 20 erwachsene Menschen (die sich als Katzen angemalt hatten) starrten mich an. Leider ist mir genau an dieser Stelle so gar nix mehr eingefallen. Totenstille! Soooo, dann dachte ich, sing halt einfach mal, was dir einfällt, damit wir heute noch nach Hause kommen. Eine Scheißidee. Niedergeschrieben sehen die Worte, die ich von mir gab, ungefähr so aus: Düüüüüüggöe össsüp etaaaaaa blablablup. Aus meinem Mund kam nur Unsinn. Ach, das kann man noch nicht einmal Unsinn nennen. Ich sag mal Buchstabensuppe dazu!
Als dann bei meinem dritten Versuch, ein deutsches Wort zu sprechen, das Publikum anfing zu lachen, wollte ich einfach sofort sterben oder als Wachsfigur bei Mme. Tussaud weitermachen.
Ach du heiliger Bimbam. Ich bekomme immer noch Schweißausbrüche, wenn ich darüber nachdenke.

In Koblenz hast du bei „La Cage aux folles“ überschwängliche Rezensionen eingefahren. Glaubt man der Journaille, spielst du dort deine Mitakteure locker an die Wand.

Na, das sehe ich nicht so. Ich freue mich riesig über die wirklich außergewöhnlich gute Presse und fühle mich sehr geschmeichelt. Aber nun ist ja „La Cage“ kein Ein-Personen-Stück. Wenn meine Kollegen mich da nicht unterstützen würden, könnte ich mir die Seele aus dem Leib spielen, und es wäre trotzdem nix.
Nein, wir alle haben da einen wunderbaren Abend auf der Bühne, und ich glaube, dass sich das auch auf das Publikum überträgt und auch ein wichtiger Bestandteil für den wirklich wahnsinnigen Erfolg unserer Show ist. Das macht aber auch Freude! Übrigens haben wir gerade bis Ende des Jahres verlängert.

„Auf hohen Schuhen sehe ich unglaublich toll aus“

Hast du ein Faible für Travestie?

Ich sehe auf hohen Schuhen einfach unglaublich toll aus und kann sogar drauf laufen. Da muss man doch was draus machen.

Für die Pfingstgala in Tecklenburg hattest du dir u.a. ausgerechnet „Sinn für Stil“ ausgesucht, einen Frauensong, der in Aida von der Prinzessin Amneris gesungen wird. Wie kommt ein Mann auf einen solchen Einfall?

Gib mir das ein oder andere Kaltgetränk, dann komm ich auf solche Ideen.

Wie würdest du dich selbst einordnen: als Sänger, Tänzer oder Entertainer?

Bin ich bekloppt. Ich ordne mich doch nicht selber ein. Ich bin ein singender, tanzender Entertainer, der moderiert, der choreografiert, der vibriert, seine Wurzeln im Sprechtheater hat, der in kürzester Zeit in das schlimmste Gesicht noch ein wenig Showgirl malen kann und außerdem auch noch unglaublich gut kocht. Alles in allem: eine Superpartie! Wer will mich heiraten?

I am what I am

Auf der Bühne hast du eine komödiantische Ader mit dem Hang zum Schrillen. Ist das angeeignet oder entspricht das wirklich deinem Naturell?

Tut mir leid. So bin ich!

Nach etwas längerer Pause sollen ja in diesem Jahr wieder die „Musicalstars live“ auf Tournee gehen. Wer ist außer dir noch dabei?

Never change a leading team! Wir sind wieder in der Sahne-Besetzung unterwegs.
Anke Fiedler, Sanni Luis, Martin Berger und meine Wenigkeit.
Begleitet werden wir wie gewohnt vom Orchester Dirk Jecht.

Wie unterscheiden sich solche Tournee-Gala-Veranstaltungen von Inszenierungen in festen Häusern? Wie liegt da für euch Künstler der Reiz? Und ist das ein anderes Publikum als sonst?

Was mir besondere Freude bei unseren Konzerten macht, ist der direkte Kontakt zum Publikum. Ich glaube auch, dass uns das von anderen Galas unterscheidet. Nicht umsonst wurden wir, ich glaube 2004, bei www.musicalzentrale.de zur beliebtesten Musicalgala gewählt. Wir haben jetzt mal' ne Pause gemacht, wollen aber wieder durchstarten. Nachdem ja jetzt schon unser Name „Musicalstars live“ geklaut wurde und Kollegen (die das eigentlich gar nicht nötig hätten) sich das aufs Fähnchen schreiben, wollen wir uns wieder mit dem Original zurückmelden. Wir starten am 16. 11. in Rosenheim und wollen dann im nächsten Jahr wieder mehrere Termine spielen.

2004 hast du mit „Cookies & Cream“ eine erste Solo-CD veröffentlicht. Was sollte dieser Titel ausdrücken und wird es in absehbarer Zeit noch ein weiteres Solo-Album von Adrian Becker geben?

Der Titel ist nach meinem Lieblingseis benannt. Nicht mehr und nicht weniger.
Oh ja, ich habe große Lust, noch 'ne CD zu veröffentlichen. Ich gehe mit diesem Gedanken schon den ein oder anderen Tag schwanger, aber ich glaube, dass es zur Geburt mindestens noch neun Monate braucht. Sollte es Komplikationen in der Schwangerschaft geben, werde ich Euch informieren.

Wenn wir uns die deutsche Musicallandschaft betrachten: Wo liegt deiner Meinung nach die Gefahr, wenn ein einziger, großer Branchenprimus fast den kompletten Markt beherrscht?

Ach Schnickschnack, unser Planet ist so groß. Da ist doch für uns alle Platz. Ich freue mich über jede neue Stage-Entertainment-Produktion. Dann sind die auch von der Straße und kommen nicht auf dumme Gedanken.

Eine tolle Zeit in Tecklenburg

In Tecklenburg hast Du du in diesem Jahr den Roy Fire in „Miami Nights“ gespielt. Was fasziniert dich an dieser Figur? Und was fasziniert dich an Tecklenburg?

Ich habe ja bereits in „Kiss me Kate“ und bei der ein oder anderen Gala in Tecklenburg gastiert und hatte einfach 'ne tolle Zeit dort. Tolle Location, tolles Team und diese Luft. Diese Luft! Einzig das Hotel „Drei Kronen“ ist ein Albtraum. Bevor ich mir das Karmakonto ruiniere, bin ich lieber still. Aber ersparen wir uns diesen Ort der Unfreundlichkeit!

Na, und Roy Fire war jetzt ja wirklich eine superschöne Rolle. Der Typ kommt auf die Bühne, und alle lachen sich bestenfalls kaputt über ihn. Tolle Dialoge und tolle Songs. Ich habe mich sehr auf diese Rolle gefreut und hatte großen Respekt vor der Aufgabe.

Es gibt ja Tendenzen, Nobodys, die irgendwelche Castingshows gewonnen haben, als Musicalstars zu vermarkten und ihnen Hauptrollen in großen Produktionen zuzuschanzen. Wie seht ihr als Künstler, die ihr euren Job mühsam und von der Pike auf gelernt habt, diese Entwicklung?

Da kann ich mich eigentlich nur wiederholen. Ich finde, es ist Platz für alle! Wenn das Publikum das sehen möchte, werden die Kinder auch engagiert werden. Et voilà, es scheint ja zu funktionieren, und die Kasse in Holland klingelt. Ich freu mich schon auf Mark Medlock als „Aida“

Was müsste man tun, um mehr Menschen zum Besuch im Theater zu veranlassen?

Mich engagieren!

JÜRGEN HEIMANN


Interview mit Peti van der Velde und Jessica Kessler

Zwei Power-Ladies im Gaga-Land
„Ozzy“ und „Scaramouche“ über „WWRY“, Zielgruppen-Musicals und Spaßfaktoren

Von Jürgen Heimann

Was das Queen-Musical „We will rock you“ mit dem ollen, unverwüstlichen VW-Käfer gemein hat? Es läuft und läuft und läuft….. Im Londoner Westend übrigens ununterbrochen seit Mai 2002. Nach zwei erfolgreichen Jahren am Kölner Rheinufer ist die Luft auch in Germany noch lange nicht raus. Ende Oktober konnte im Kölschen Gaga-Land der 1-Millionste Besucher begrüßt werden, und bereits zuvor war die Entscheidung gefallen, das Stück in die zweite Verlängerung zu schicken. Noch mindestens bis Ende 2007 führt in der deutschen Hauptstadt der Champions die Killer-Queen ihr straffes Regiment. Inzwischen hat Global-Soft auch in der Schweiz eine Niederlassung eröffnet. Seit dem 3. Dezember 06 erklingt nun auch im 1500 Besucher fassenden Züricher „Theater 11“ am Hallenstadion die „Bohemian Rhapsody“. Die eidgenössische Version von WWRY hat erwartungsgemäß einen grandiosen Start hingelegt. „Ihre Majestäten“, die Queen-Titanen Brian May und Roger Taylor persönlich, hatten der Cast im Vorfeld vor Ort die Daumen gedrückt und, durchaus auch im eigenen (Produzenten-)Interesse, viel Erfolg gewünscht.

Einige personellen Schwergewichte haben die Kölner in die Schweiz abgeben müssen. So hat es u.a. auch an der Konzernspitze von Globalsoft eine Veränderung gegeben. Brigitte Oelke kehrt als Vorstandsvorsitzende des weltbeherrschenden Multis in ihre Schweizer Heimat zurück. Die nicht minder stimmgewaltige Willemijn Verkaik beerbt sie in Köln auf diesem Posten. Viele andere sind im „blauen Müllsack“ seit der ersten Stunde mit an Bord. Alex Melcher als „Galileo“ beispielsweise, Vera Bolten als „Scaramouche“, Martin Berger als Geheimdienstchef „Khashoggi“ oder David-Michael Johnson als „J.B.“. Im Vergleich dazu war das Gastspiel, das Jessica Kessler in der Jecken-Metropole gegeben hat, relativ kurz, aber intensiv. Im Ensemble sowie als Scaramouche- und Ozzy-Cover studierte die vielseitige Duisburgerin im Schatten des Kölner Doms die Gaga-Gesetzmäßigkeiten, um dann anzutreten, in der Switzerland-Produktion an der Seite von Serkan Kaya die Welt zu retten. Ein tolles Gespann, wie sich bereits bei den ersten Shows gezeigt hat.

Peti van der Velde hingegen ist eher ein WWRY-Seiteneinsteiger. Die temperamentvolle Niederländerin trat vor einigen Monaten in Köln die Nachfolge von Michaela Kovarikova als Ozzy-Nr. 1 an. Sie und „DJM“ geben ein perfektes Tandem ab.

Getrennte Wege

Jessica Kessler, die große Musical-Hoffnung vom Niederrhein, und Peti van der Velde, die vor sechs Jahren den Stewardessen-Job bei der holländischen Martin Air gegen ein nicht weniger unstetes Bühnen-Dasein eingetauscht hat, sind seit langem eng befreundet. Daran wird sich auch durch die Tatsache, dass sich ihre gemeinsamen Kölner Wege nun nach kurzer Zeit wieder getrennt haben, nichts ändern. Nach ihrer letzten gemeinsamen Show am Rhein standen die beiden Power-Frauen unserem Mitarbeiter Jürgen Heimann für ein Interview zur Verfügung und plauderten locker, offen und, wie es so schön heißt, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, Rede und Antwort – über sich selbst, Gott und die Welt, ihr aktuelles Engagement, ihre Wünsche und ihre Träume.

     

Kopflos: Freddie Mercury hätte sich in Gesellschaft dieser beiden Damen bestimmt wohl gefühlt.
Foto: Jürgen Heimann


Ihr beide scheint ja prima miteinander klar zu kommen. So etwas wie „Ein Herz und eine Seele“ oder etwas in der Art.

Peti: Ja, wir sind die besten Freundinnen.

Jessica: Ich kenne Peti seit meinem 15. Lebensjahr. Sie ist wie eine Schwester für mich.

Aber ihr habt noch nie in einem Stück gemeinsam auf der Bühne gestanden?

Peti: Nein, das hat bisher irgendwie noch nie geklappt.

Jessica: Nur bei Gala-Shows, da sind wir uns immer wieder begegnet, auf beruflicher Schiene, meine ich. Privat treffen wir uns oft und halten engen Kontakt.

Aber jetzt trennen sich Eure (Bühnen-)Wege schon wieder.

Peti: Ja, ich könnte heulen. Aber ich wünsche Jessie viel Glück und Erfolg in Zürich. Sie ist eine phantastische „Scaramouche“ – und eine phantastische Kollegin. Ich würde ja glatt mitgehen. Aber ich fühle mich hier in Köln auch sauwohl.

Womit wir beim Thema werden: „We will rock you“. Das ist ja eine Inszenierung, die irgendwie in keine Schublade passt und mit anderen Produktionen nicht zu vergleichen ist. Euer Kollege Martin Berger, Commander Khashoggi, der Erich Mielke aus dem Gaga-Land, hat in diesem Zusammenhang mal von „einem lebendig gewordenen Comic-Strip“ gesprochen. Wie beurteilt ihr das Stück? Was ist aus der Sicht der Künstler das Besondere daran?

„Es ist jeden Abend von neuem aufregend“

Peti: Also es ist aufregend. Jeden Abend wieder. Du kriegst jedes Mal einen Kick. Und dann dieses Feedback aus dem Publikum, diese super-geile Band, diese Wahnsinns -Musik und diese phantastische Cast. Whoww. Es ist unvergleichlich macht einfach Riesenspaß. Gut, es ist auch anstrengend, aber Du kriegst so viel Energie zurück…..

Jetzt beruhige Dich doch wieder…..
Beide lachen

Jessie: Nee, sie hat ja Recht. Mir geht es genau so. Es ist so ein Geben und Nehmen zwischen Künstlern und Publikum, so etwas habe ich noch nie erlebt. 

Wenn man Euch so reden hört, gegen WWRY müssen alle Euren vorherigen Engagements ja die reinsten Trauerveranstaltungen gewesen sein….

Peti: Nee, das wollt ich damit nicht sagen. Die Stücke vorher waren halt anders. Dieses, sagen wir, gewisse Etwas, dieses große Wir-Gefühl, dieses gemeinsame Empfinden, an etwas wirklich Außergewöhnlichem, Neuem und Spannendem teil zu haben, war auch früher schon da, für mich beispielsweise bei Rent, aber es war halt nicht so ausgeprägt. Generell muss ich festhalten, dass ich eigentlich noch nie einen Bühnen-Job gehabt habe, wo ich gesagt habe, mein Gott, ist das öde…..

Gänsehautfeeling auch bei den Künstlern

Jessica: Ja, und für mich war das hier in Köln auch eine komplett neue Erfahrung. Ich habe ja vorher immer nur klassische und/oder eher düstere und ernste Stücke gespielt . Als ich in dieser Show hier das erste Mal aufgetreten bin und ich gemerkt habe, wie viel Reaktion vom Publikum kam, habe ich eine Gänsehaut bekommen. Das war echt wie eine Reizüberflutung. Da war ich total weg. Es ist auch mehr Schauspiel gefordert, ich musste mehr Text lernen, und das machte es so spannend und herausfordernd. Und dann die Musik. Ich habe schon als Teenager Queen gehört und gemocht. Insofern ist WWRY für mich so eine Art Traum, der in Erfüllung gegangen ist, weil ich hier Songs, die ich so toll finde bzw. fand, auch selbst singen kann.

Und bei Dir, Peti? Du kommst doch von Hause aus eher aus der Jazz-Ecke….

Peti: Ja schon, aber mein Musikgeschmack ist ziemlich breit gefächert. Ich habe auch früher schon Queen gehört, aber daneben auch die Beatles. Ich mag Klassik genauso wie Pop. Derzeit arbeiten ich und die Band, in der ich singe, an einem neuen Album. Und dabei handelt es sich sogar um Metal. Was den Job hier im Gaga-Land auch so reizvoll und nie langweilig macht, ist, dass hier auch Comedy und Slapstick verlangt werden. Und das an sich ist auch eine Herausforderung. Da kommt es noch mehr auf das richtige Timing an, damit die Pointe zündet. Hängst Du eine Zehntelsekunde hinterher, ist der ganze Witz kaputt. 

Um noch mal auf Deine Band zurück zu kommen. Was ist das für Projekt. Wie heißt sie?

Peti: Die Gruppe heißt „Tape“. Die gibt es schon seit dem Jahr 2000, ich bin aber erst seit diesem Jahr dabei. Das geht jetzt so richtig los, auch mit Konzerten. Am 26. Januar 2007 erscheint das neue Album: „#2“. Wer uns mal erleben will, am 22. Dezember spielen wir in der großen Jura-Halle in Neumarkt. Weitere Infos unter www.tape-music.de.

Wenn Ihr zurück blickt, welche Inszenierungen, an denen Ihr mitgewirkt habt, haben Euch am meisten gegeben, was waren die schönsten Erlebnisse?

Peti: Wie erwähnt, WWRY toppt in dieser Hinsicht alles, und auch an „Rent“ denke ich immer wieder gerne zurück. Obwohl: „Hair“ in Bremen war auch super, obwohl wir da, was die Besucherresonanz anging, ziemlich Pech gehabt haben. Aber es war eine tolle Zeit mit einer tollen Cast. Aber Tecklenburg darf ich auch nicht vergessen, das macht immer Spaß, dort mit mitmachen zu können. 
Und jetzt die Standardfrage, die ja in keinem Interview mit einem Musicalkünstler fehlen darf, die nach der Traumrolle. Was würdest Du gerne mal spielen?

Der Traum von „Aida“ und der „Acid-Queen“

Peti: Da gibt es eigentlich zwei Rollen: „Aida“ und „Maria-Magdalena“ in „Jesus Christ Superstar“. Letztere ist zwar eine relativ kleine Rolle, aber die reizt mich seit Jahren. Bisher ist mir aber immer etwas dazwischen gekommen, und sei es, dass ich ausgerechnet dann, als es akut wurde, woanders unter Vertrag stand. Aber irgendwann wird es bestimmt klappen. Und was Aida angeht, das ist eigentlich ein Traumpart für jede farbige Darstellerin. Ach ja, nicht zu vergessen die „Acid Queen“ in Tommy.

Und bei Dir, Jessica, Du knabberst immer noch an „Les Mis“? Als „Eponine“ bist Du ja damals in Berlin gar nicht mehr zum Zuge gekommen?

Jessica:  Ja, leider. Ich habe zwar noch zwei Wochen lang nach Premiere im Ensemble gespielt und mich in dieser Zeit auch darauf vorbereitet, den Part der „Eponine“ zu übernehmen. Doch während der Proben kam dann das Angebot für die Sarah im „Tanz der Vampire“. Da konnte ich nicht Nein sagen.

Les Misèrables ist ja so ein Stück, von dem alle schwärmen, die Künstler ebenso wie das Publikum.

Jessica: Ja unbedingt. Das „muss“ man gemacht haben. Als seinerzeit „Les Misérables“ in Lüneburg anstand, hätte ich mir meinen Eponine-Traum verwirklichen können. Aber da haben sie mich bei den Vampiren nicht (raus) gelassen…. Und es ist ja interessant, zu beobachten, wie unterschiedlich die einzelnen Inszenierungen ausfallen. Mittlerweile ist das „Dogma“, dass Les-Mis nur im ursprünglichen Original gespielt werden darf, Gott sei Dank ja gefallen. Gut, nicht alles, was da in Folge auf die Bühne kam, war gut oder hat mir, soweit ich es sehen durfte oder beurteilen kann, auch gefallen. Aber die Produktion in Tecklenburg dieses Jahr war schon gewaltig und beeindruckend.

Apropos Vampire. Das Engagement als Sarah war ja für Dich eigentlich der Durchbruch, gleichzusetzen mit dem Aufstieg in die erste Liga. Was hast Du dabei gelernt?

Jessica: Vor allem Disziplin. Erstbesetzung zu sein und jeden Abend an der Seite einer First-Class-Cast das wirklich Beste geben zu müssen, ist schon eine riesige Herausforderung und etwas anderes, als im Ensemble zu spielen. Da merkst Du sehr schnell, ob Du wirklich für diesen Beruf geschaffen bist. Ich habe die Entscheidung übrigens nie bereut. Lacht.

Und der Unterschied zu WWRY?

„Es ist wichtig, wenn man viel von sich selbst einbringen darf“

Jessica: Bei WWRY ist jede Scaramouche, jede Ozzy anders. Du kannst sehr viel von deiner eigenen Person einbringen. Bei den Vampiren hast Du nicht so viel Freiheit, Deine Rolle individuell auszukleiden. Obwohl: Sarah war ich, da steckte viel von mir selbst drin. Trotzdem: Bei TdV ist mehr oder weniger alles sehr genau vorgegeben. Stecke irgend jemand in das Sarah-Kostüm, gib’ ihm das Staging und es funktioniert - und ähnelt sich aber auch im Resultat.

Peti: Das Gleiche gilt für den „König der Löwen“. Disney ist da noch einen Grad ausgeprägter. Da wird Dir wirklich jeder Augenaufschlag vorgeschrieben. Das läuft wie eine perfekt eingeölte Maschinerie ab. Irgendwie fühlst Du Dich da als Künstler wie eine Marionette und kannst das, was Du machst, nicht mehr genießen. Vielleicht auch, weil man auf Grund dessen emotional nicht mehr so beteiligt ist. Da kannst Du selbst nichts Eigenes mehr einbringen. Und wenn Du es dann doch mal versuchst, kriegst Du gleich einen auf den Deckel.

Ihr Beide seid ja nun mittendrin in dem, was man „Musical-Circus“ nennt. Ist es so o.k., wie es momentan in Deutschland (und anderswo) läuft, oder was könnte man verbessern bzw. was würdet Ihr Euch dahingehend wünschen?

Peti: Mehr Mut zu neuen Stücken.

Jessica:  Mehr Offenheit und Ehrlichkeit – auch uns Künstlern gegenüber. Oft ist für die Verantwortlichen ja schon bei der ersten Audition klar, dass der- oder diejenige für die Rolle überhaupt nicht in Frage kommt. Aber man wird dann zu zig weiteren Callbacks eingeladen. Dann ist es doch besser, man sagt gleich von Anfang an, dass Du nicht der Typ für diesen Part bist. Das erspart allen Beteiligten Arbeit und Nerven.

Gibt es eine bestimmte Tendenz, einen Trend, den ihr in der Musicallandschaft beobachtet?

Peti: Ja, ich glaube der Hase wird noch stärker in Richtung Zielgruppen-Orientierung laufen.

Wie ist das zu verstehen? 

Auf „Umwegen“ ins Theater

Jessica: Peti meint, und ich auch, dass bei der Auswahl der bzw. der Entscheidung für eine Produktion mehr und mehr versucht wird, Leute ins Theater zu locken, die sonst einen großen Bogen drum machen.

Peti: Wir können das bei „Mamma Mia“, „Dirty Dancing“ oder vor allem auch bei „We will rock you“ beobachten. Bei „Daddy Cool“, dem Stück, das um die Hit von Boney M. herum gestrickt ist, wird es nicht anders sein. Und ich finde es auch in Ordnung.

Jessica: Solche und ähnliche Stücke haben auch so eine Art Türöffner-Funktion. Die Produzenten erschließen sich neue Publikumskreise und bringen vielleicht den ein oder anderen auf den Geschmack, ins Theater zu gehen und sich auch einmal andere Stücke anzuschauen. Und das macht Hoffnung.

So sei es!. Vielen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg im Kampf gegen Global-Soft.
 


© Erika Borbely

Katharine Mehrling
Foto: Erika Borbely

Katharine Mehrling – Vom Spatz zur Göre

Die Eltern von Katharine Mehrling bewirtschafteten eine Musikerkneipe: Ihr Vater spielte Klavier und Akkordeon und ihre Mutter war Sängerin. So wurde die Musik bereits in die Wiege von Katharine Mehrling gelegt, ein „Virus“, der sie nicht mehr los lassen und ihr weiteres Leben bestimmen sollte. Mit sechs Jahren stand Katharine Mehrling dann zum ersten Mal mit deutschen Schlagern vor Publikum. Sie war mit 14 Jahren so erfolgreich, dass ihr Ralph Siegel einen Plattenvertrag anbot.

Doch Katharine wollte wissen, wie es ist etwas „normales“ zu tun. Sie schloss ihre erste Berufsausbildung als Auslandskorrespondentin Englisch und Französisch ab und arbeitete bei TWA als Customer Service Agent am Flughafen in Frankfurt am Main.

Ihrer Begeisterung für das Theater – primär das Schauspiel – führte sie dann doch via Flugzeug nach London, wo sie schicksalhaft das Musical für sich entdeckte.

Katharine Mehrling: „Ich hatte mich in einer Schauspielschule in London eingeschrieben und suchte nun nach einer Unterkunft. Die Adresse der Putzfrau der Schule in der Hand, machte ich mich auf den Weg und - als wäre es vorbestimmt - führte mich dieser am Londoner Studio Centre vorbei. Das Haus sprach mich sofort an, die Kombination aus Schauspiel, Gesang und Tanz, die anderen Studenten – da wusste ich, was ich machen wollte: MUSICAL! Ich meldete mich in der Schauspielschule ab und konzentrierte mich voll und ganz auf diese neue, faszinierende Welt des Musicals. Noch während meines Studiums wurde ich anlässlich des 25-jährigen „Hair“-Revivals als Chrissie ins Londoner West-End engagiert.“

kulturfreak.de: „Danach bist du wieder zurück auf den Kontinent.“

Katharine Mehrling: „Ja, das Heimweh trieb mich nach Hause. Zuerst habe ich in Kassel die Sandy in „Grease“ gespielt, mein nächstes Engagement führte mich nach Bern zu „Some like it hot“ als Sugar Kane. Danach ging ich ein Sommersemester an das Lee Strasberg Theatre Institute in New York, wo wir sehr intensiv und auf psychologischer Ebene gearbeitet haben. Das Studium dort hatte etwas von „A Chorus Line“. Dort habe ich gemerkt, wie wichtig es ist, sich in diesem Beruf immer wieder neu inspirieren zu lassen. Nach meiner Rückkehr meinten viele meiner Kollegen, dass mich New York verändert hätte. Ich würde tiefer und intensiver spielen. Seit 1998 lebe ich übrigens in Berlin, obwohl ich erst in letzter Zeit hier regelmäßig arbeite. Aber diese Stadt hatte etwas Anziehendes an sich, hier leben viele gute Freunde, hier fühle ich mich wohl.“

kulturfreak.de: „Das Darstellerleben ist ja nicht immer reines Honigschlecken. Welche Erfahrungen hast du gemacht?“

Katharine Mehrling: „Ich denke, das Schicksal entscheidet ob ich eine Rolle bekomme. Ich darf es einfach nicht persönlich nehmen, wenn es mal nicht klappt. Dann gibt es irgendwo eine andere Aufgabe für mich. Im Übrigen kann ich sagen, dass ich immer viel Glück hatte. Ich hatte stets nahtlose Anschlussengagements und habe viele unterschiedliche Rollen gespielt. Eine meiner persönlichen Wunschrollen war Eponine aus „Les Misérables“. Diese Figur hatte ich in der Londoner Produktion in mein Herz geschlossen und sie war so inspirierend für mich, dass ich überglücklich war, sie in einem Engagement in Saarbrücken zu spielen.“

kulturfreak.de: „In Berlin standest du an der Tribüne mit „Non(n)sens“ als Schwester Amnesia und „PIAF“ in der Titelrolle auch 2004 auf der Bühne.“

Katharine Mehrling: „Ja, „PIAF“ steht mir sehr nahe, mit der Figur der Edith Piaf habe ich mich mit am längsten und sehr intensiv beschäftigt, sogar eine zeitlang in Paris gelebt um Piaf näher zu kommen. Wahrscheinlich, weil ich eine gewisse Seelenverwandtschaft empfinde. Die Rolle ist sehr anstrengend und erschöpfend, aber es gibt mir sehr viel, sie zu verkörpern. Hier habe ich erkannt: »Wenn man die Möglichkeit hat mit seiner Darstellung einen Menschen zu berühren, dann macht der Beruf für mich Sinn!«“

kulturfreak.de: „Seit Oktober 2004 bist du als Berliner Göre Klein Erna in „Pinkelstadt – Das Musical“ zu sehen. Was ist das Besondere an dieser Rolle?“

Katharine Mehrling: „Das Stück hat etwas einzigartiges, das man so gar nicht beschreiben kann. Wichtig erscheint mir vor allem, dass Andreas Gergen die Möglichkeit bekam, eine eigene Berliner Fassung zu kreieren. Ich finde es toll, das Kind in mir bei jeder Vorstellung herauskramen zu können. Kinder können sich mehr erlauben, zumindest auf der Bühne. Frechheit und Naivität, ihre witzigen und klugen Kommentare und die berechtigten Fragen, die sie zur Dramaturgie des Stückes stellt, machen aus Klein Erna eine kleine Persönlichkeit.“

kulturfreak.de: „Große Furore macht in Berlin auch die Neuproduktion von „Cabaret“ in der Bar jeder Vernunft. Dort trittst du auch als Sally Bowles auf. Was bedeutet dieses Stück für dich?“

Katharine Mehrling: „Cabaret“ ist einfach ein Stück, das nach Berlin gehört! Die Zeitreise zurück in die ende 20er Jahre ist einfach genial. Der Film mit Liza Minelli in der Rolle der Sally Bowles ist grandios und ihre Darstellung unerreichbar. Ich will sie auf keinen Fall kopieren, denn das geht sicher schief. Im März und April werde ich diese Rolle häufiger spielen.“ Sally Bowles war und ist eine Traumrolle!

kulturfreak.de: „Neben deinen Musicalengagements hast du schon zahlreiche CDs aufgenommen und auch Solo-Programme aufgeführt. Welche Gesichter zeigst du dort?“

Katharine Mehrling: „Meine aktuelle CD heißt „Conni, ich mach so gern Musik“, das ist eine Buch-CD für Kinder von zwei bis 12 Jahren. Conni ist eine PIXI-Kinderbuchheldin. Die Musik stammt aus der Feder von Rainer Bielfeldt, die Texte sind von Edith Jeske und Otto Senn. Die Stücke sind im Stil von Jazz bis Hipp Hopp sehr vielseitig, das Einsingen hat wahnsinnig Spaß gemacht. Die CD ist bei Universal erschienen und sehr empfehlenswert!
In meinem Soloprogramm „Hommages“ singe ich Chansons von Piaf, Brel oder auch schlüpfrige deutsche zum Beispiel von Hollaender. Auch ein Album, "Midnight state of mind" mit Eigenkompositionen habe ich produziert. Dort bewege ich mich zwischen Elektronik und Jazz.“

kulturfreak.de: „Herzlichen Dank für das Interview.“



Katharine Mehrling kan in Berlin als Klein Erna bei „Pinkelstadt – Das Musical“ (
www.schlossparktheater.com) und als Sally Bowles in „Cabaret“ (www.cabaret-berlin.de) erlebt werden.
Ihre Webseite:
www.katharine-mehrling.de .

    Manuela Kippes, Berlin
     

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