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Besprechungen: Theater (8)
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Gefährliche Liebschaften Burgfestspiele Bad Vilbel Besuchte Vorstellung: 22. Juni 07 (Premiere)
Liebe, Macht und Leidenschaft
Früher als üblich wurde es in der Wasserburg Bad Vilbel dunkel: schwere Wolken brachten sich in Stellung und pünktlich mit Auftreten der ersten Schauspieler auf der Bühne fielen
die ersten Regentropfen, die sich schon bald zu einen ordentlichen Schauer steigerten. Da der auf das Bühnenflachdach prasselnde Regen lauter war, als die Schauspieler sprechen konnten,
musste Festspielleiter Claus-Günther Kunzmann die Premiere erst einmal abbrechen (für die im unbedachten vorderen Teil sitzenden Zuschauer gab es zuvor noch dünne Plastikregencapes). Im
Gegensatz zu den langen Regenfällen tagsüber, war der Wettergott aber gnädig und nach einer kurzen Pause konnte das Stück um Liebe und Macht dann noch einmal von vorne begonnen werden.
Christopher Hamtons Dramatisierung dieses berüchtigten Briefromans wurde 1985 von der Royal Shakespeare Company in London uraufgeführt und diente drei Jahre später als Vorlage für die
bekannte Filmversion von Stephen Frears (mit Glenn Close, John Malkovich und Michelle Pfeiffer in den Hauptrollen). Die Bad Vilbeler Inszenierung unter der Regie von Barbara Neureiter zeigt
„Gefährliche Liebschaften“ packend und hält dabei die Balance zwischen schöner Theatertradition und Moderne. Der Anfang befriedigt historische Schaulust: die Damen des frivolen französischen
Adels treten in Kleidern mit breiten Reifröcken auf und tragen Barockperücken. Ein Biedermeiersofa und ein kleiner Tisch nebst Stühlen reichen als Requisite. Zwei lang gezogenen Wände (mit
Rokoko-Muster) gleichen riesigen Paravents und machen deutlich, dass man sich in besseren Kreisen aufhält. Der Boden ist übersät von Briefen, schließlich haben sich die Marquise de Merteuil
und Vicomte de Valmont schon reichlich per Brief ausgetauscht.
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Gefährliche Liebschaften Burgfestspiele Bad Vilbel Heike Trinker & Thomas Gerber
Foto: Eugen Sommer
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Wo die Marquise de Merteuil zunächst nach außen hin Anstand bewahrt (später lässt sie, wie die anderen Damen auch, ihren Überrock fallen und zeigt sich in einer Art
barocken, sexy Dessous), legt der Vicomte de Valmont schon schnell sein äußeres Trugbild ab und gibt sich den Frauen ohne Perücke und mit offenem Hemd ganz als der
begehrenswerte Playboy. Thomas Gerber vermittelt diesen verdorbenen Herzensbrecher eindrucksvoll (und überzeugt auch mit seinem bestens definierten Oberkörper). Heike
Trinker (einem größeren Kreis vor allem durch die Rolle der Sylvia Jones in der ARD-Soap „Verbotene Liebe“ bekannt) ist eine perfekte Wölfin im Schafspelz. Mit aristokratischer
Würde treibt sie emanzipiert ihr egoistisches und böses Spiel, das sie benötigt, um sich ihren Platz in der von Männern beherrschten Welt zu sichern. Konträr zur lust- und
machtbetonten Merteuil ist die Tourvel der Anna Eger: tugendhaft, verträumt und zartfühlig. Regisseurin Barbara Neureiter lässt sie Rosenblüten zum Empfang ihres Geliebten
ausstreuen, doch es endet für sie fatal mit einer Vergewaltigung, deren Schmerzen sie sich markerschütternd aus der Seele schreit. Mit ansteckender Lebensfreude und einem
praktischen Blick für die Dinge der Welt erfreut Ellen Schulz als Dienstmädchen und Prostituierte. In weiteren Rollen: Marina Matthias als Madame de Volanges, Ivana Langmajer
als deren Tochter Cécile und Andy Konrad als Chevalier Danceny.
Markus Gründig, Juni 07
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Der Revisor Burgfestspiele Bad Vilbel Besuchte Vorstellung: 8. Juni 07 (Premiere)
Schwarzgeld-Affären bei der Bahn, Siemens
und bei Volkswagen: Bestechungsskandale in Deutschlands Wirtschaft machen immer wieder die Runde. Dass es sich dabei nur um die Spitze eines Eisbergs handelt, ist allen klar. Sei es in der
Wirtschaft oder bei Behörden, kleinere Gefälligkeiten werden überall gerne gegeben, wo sich Vorteile erhofft werden. Da stört es auch nicht, dass Bestechung nach § 334 StGB eine Straftat
darstellt, die mit bis zu fünf Jahren Freiheitsstrafe bedroht ist. Der gebürtige Ukrainer Nikolaj Gogol hat, angeregt durch seinen Förderer Alexander Puschkin, mit seiner Komödie „Der
Revisor“, bereits in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts die Bestechung von Kommunalpolitikern im zaristischen Russland, dramatisiert. Das Stück wurde ein großer Erfolg, auch
international. Und da das Thema „Bestechung“, wie eingangs erwähnt, zeitlos ist, lohnt es sich auch heute, diese Komödie zu zeigen, so wie die 21. Burgfestspiele Bad Vilbel, die mit diesem
Stück ihre Spielzeit in der romantischen Wasserburg eröffneten.
Oliver Kostecka setzte hierzu die Bühne in eine typisch russische Szenerie: ein holzgetäfelter Einheitsraum mit sechs
Türen, zwei Fenstern und variablen Podesten, passend für jeden Ort in der Kleinstadt, sei es dass Heim des Bürgermeisters oder ein Restaurant (zusätzlich verdeutlicht eine kleine Matrjoschka,
die in einer Wandeinlassung steht, wo das Stück spielt). Russische Schlagermusik vermittelt stimmungstechnisch zwischendurch immer wieder eine gewisse Lässigkeit den Dingen gegenüber. Ernst
wirken allein die sich wechselnden Tafeln über der großen Flügeltür, die mit Sprüchen wie „Ohne Fleiß kein Preis“ oder „Eigener Herd ist Goldes wert“ die hier gezeigten Bürgerschaft
konterkariert.
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Der Revisor Burgfestspiele Bad Vilbel Ensemble Foto: Eugen Sommer
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Vielleicht lag es nur daran, dass dies die erste Aufführung in der aktuellen Saison war, der erste Teil bis zur Pause kam bei der Premiere nur schleppend in Fahrt. Dabei war der
Beginn durchaus viel versprechend, so ambitioniert wurden Akten weggeräumt und Ordner gefilzt (Regie und zuständig für die Bad Vilbeler Bearbeitung: Harald Demmer). Nach
der Pause schien sich irgendetwas geändert zu haben, ein Knoten war geplatzt. Mit ihrem Vorsprechen beim Revisor gingen die Honoratioren viel gelöster und mit viel mehr
Spaß an die Sache ran, sei es nun als besonders verklemmt, stotternd oder draufgängerisch. In den Paraderollen des Bürgermeisters und des vermeintlichen Revisors gaben die
beiden Vollblutschauspieler Ulrich Lenk und Pit-Jan Lößer alles. Ulrich Lenk platzte als schwitzender Bürgermeister vor Ereiferung fast die feuerrote Birne, während Holodri per
per excellence, Pit-Jan Lößer (mit schön gefettetem Haar) als vermeintlicher Revisor facettenreich die Schwächen der Kleinstadtbevölkerung vollends auszunutzen wusste.
Wo die Männer mit reichlichen Geldscheinen danach streben, sich beim Revisor ihren Vorteil zu erkaufen, haben es die beiden Damen einfacher. Sie erregten allein schon durch
ihr bezauberndes Äußeres die volle Aufmerksamkeit und Leidenschaft des Revisors. Die zurückhaltende Tochter des Bürgermeisters (Anna Eger) bringt ihn gar fast vor den
Traualtar, während sich die laszive Ehefrau (elegant gekleidet und überaus verführerisch: Ellen Schulz) damit abfinden muss, vom Revisor als „Mutti“ abgestempelt zu werden.
Auch die weitere korrupte Kleinstadtbevölkerung, wie die beiden Gutsbesitzer (Marco Zbinden, Herbert Schöberl), der Kreisrichter (Peter Clös), der Hospitalverwalter (Daniel Ris
) und der Postmeister (Kai Möller) sorgten mit ihrem engagierten Spiel für viele amüsante Momente. Das Ensemble wird abgerundet von Markus Frank als Ossip und Andy Konrad
in einer Doppelrolle als Kellner und Polizist.
Und die Moral von der Geschichte? Als der Fälscher entlarvt und der wahre Revisor nun denn vor der Tür steht beginnt das gleiche Spiel von neuem: schon wieder werden
fleißig Geldscheine gezückt. Wohl dem, der so viel Geld einstecken hat.
Markus Gründig, Juni 07
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Madame Bovary Staatstheater Mainz Besuchte Vorstellung: 5. Juni 07
Was ist Realität? Kann man sie definieren ohne subjektiv zu
werden? Leichter ist es da mit der Definition des Begriff „Realitätsverlust“, handelt es sich hierbei doch zutreffender um eine Realitätsverschiebung: die Abweichung der
Realitätsinterpretation eines Menschen oder einer Gruppe von einer getroffenen Übereinkunft. Gustave Flaubert hat sich bei seinem Sittenbild aus der Provence, dem Roman „Madame Bovary“,
von einem „realen“ Fall inspirieren lassen, als er die Geschichte einer aus den Konventionen ausbrechenden, verheiratenden Frau literarisch verarbeitete und mit dem bis dato nicht üblichen
Schreibstil der „erlebten Rede“ einen Roman der Weltliteratur schuf. Heute sind die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen nahezu konventionsfrei, lediglich in manch dörflichen Gegenden oder
streng gläubigen Bereichen gibt es noch althergebrachte Konventionen, liegt die Frau im Gegensatz zum freien Mann noch immer an 1.000 Ketten. Es stellt sich daher die Frage, ob es
überhaupt Sinn macht, diesen Roman der Weltliteratur szenisch umzusetzen, so wie es jetzt Marcus Mislin am Staatstheater Mainz tat. Die Figur der Emma Bovary, hier glänzend interpretiert von
der jungen Schauspielerin Verena Bukal, verdeutlicht schnell, dass es sich lohnte. Denn bei Emma Bovary geht es letztlich nicht um den Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft (die sich
ständig wandelt). Emma Bovary gerät durch das nachhaltige, intensive Lesen von einfachen Liebesromanen in ihre ganz eigene Traumwelt und vergisst dabei mit fatalen Folgen ihre Rolle als Frau
des Landarztes und als Mutter. Und die Gesellschaft machte es ihr leicht: Angebote zum Fremdgehen und zum Geld ausgeben lauerten überall. Dies ist heute nicht anders, ja sogar noch viel
leichter als zur Zeit Flauberts. Sei es beim Karneval oder beim Betriebsausflug oder nur beim Chat im Internet, die Versuchungen sind vielfältig und die Hemmschwellen niedrig. Selbst seriöse
Banken umschmeicheln Kunden mit der Einfachheit der Kreditvergabe zur spontanen Wunscherfüllung, es gibt eine schier unendlich große bunte Warenwelt, Fernsehen und Internet bieten 24 Stunden
eine Flucht vor dem eigenem Leben. Und die Einsamkeit, die innere Leere der Menschen ist in all den Jahren nicht geringer geworden. Emma Bovary, das sind auch wir heute. In 2 ¾ Stunden ist
ihre Geschichte nun im Kleinen Haus des Staatstheater Mainz zu erleben (wobei es auch eine Pause gibt, die man als regelmäßiger Gast des schauspielfrankfurt schon gar nicht mehr gewohnt ist).
Der weiß getünchte Einheitsbühnenraum von Florian Barth ist karg ausgestattet: ein Bett, ein Tisch, Stühle und Hocker. Alles im sechziger Jahre Design, da irritiert nur etwas der
Verbrauchsmesser am Heizkörper. Die Fenster- und Türrahmen sind in dunklen Brauntönen gehalten, wodurch ein ländlicher Eindruck entsteht. Der Boden mit schwarz weißem Schachmuster (mit
braunen Versatzstücken) lockert nicht nur die Szenerie auf, er kann auch als optische Brücke zur erträumten High Society dienen. Sehr gelungen, weil faszinierend dezent und dennoch
markant präsent, wirken die Videoeinblendungen der Tänzer auf dem Festball (Video: Christoph Schödel) und die stets wechselnde und die jeweilige Stimmung untermalende Ausleuchtung (Stefan
Bauer). Französisches Flair vermitteln die Kostüme von Petra Bongard (mit praktischer Wechselmöglichkeit der Kleider Emmas). Im schauspielerischen Mittelpunkt zieht Verena Bukal alle
Aufmerksamkeit uneingeschränkt auf sich, entwickelt sich von der zurückhaltenden, anständigen Bauerntochter zu einer nach immer mehr verlangenden Femme fatale. Florian Hänsel gibt meist
gutgelaunt den sie trotz alledem unnachgiebig liebenden, einfältigen Ehemann Charles. Mit schwulen Attitüden als „fürsorglicher“ Freund und materieller Verführer gefällt Thomas Kornack
(Monsieur Lheureux). In weiteren Rollen: Paul Bonna (klumpfüßiger Hippolyte), Monika Dortschy (aufrechte Mutter von Charles), Thomas Marx (beratender Apotheker Monsieur Homais), Thomas Prazak
(Liebesobjekt 1 und Anwaltsgehilfe Léon Dupuis), Gregor Trakis (u.a. Pfarrer, Knecht) Stefan Walz (Liebesobjekt 2 und Gutsbesitzer Rodolphe Boulanger) sowie die Kinder Inken Blum, Sophia
Eckert und Alma Höfler. In Anspielung auf Flauberts Erzähltechnik lässt das Regieduo Deborah Epstein und Amrcus Mislin die Darsteller oft direkt vor das Publikum treten (und gibt auch dem
Humor seinen Raum). So kann jeder Besucher für sich entscheiden, ob Emma Bovary nun ein Opfer ihrer selbst oder der Gesellschaft ist.
Markus Gründig, Juni 07
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Erzählung des Gleichgewichts 4.W schauspielfrankfurt Besuchte Vorstellung: 23. Mai 07 (Uraufführung)
Ein Mann wacht
auf, immer um 7.45 Uhr. Nicht mehr schlafend, aber auch noch nicht richtig wach, quälen ihn seine Träume. Oder ist es doch die Realität? Einer Sitzung beim Psychoanalytiker folgt die nächste
Sitzung… Jean Daives im März 1985 erschienene Dichtung „Erzählung des Gleichgewichts 4.W“ ist alles andere als im Gleichgewicht, ist an sich noch nicht einmal eine Erzählung, die dem Leser
eine zu erkennende Geschichte vermittelt. Der französische Autor Jean Daive (Jahrgang 1941) hatte als Kind mit Sprachproblemen und Autismus zu kämpfen. Sprache ist für ihn mehr wie ein Ventil
geworden. „Erzählung des Gleichgewichts 4.W“ ist eine Abhandlung mit und um Sprache, die Störung, das Fehlen und die Benötigung von Sprache. Immer wieder vorkommende Wiederholungen von Namen,
Orten und Objekten helfen zwar die Textfragmente zu einer Struktur zu formen. Hart an der Grenze zum Absurden ist dies aber ein vergebliches Unterfangen. In der „Erzählung“ nimmt das „W“
einen besonderen Stellenwert ein. Kann es doch für Wien stehen, dem Wien Sigmund Freuds, aber auch für Wiedersehen und Wiederkehr. Es ist auch die Aufschrift auf einem Paket, in dem eine
störende Schwester, ein stummer Vater und eine entfernte Mutter auf die Post gebracht werden, um anschließend einverleibt zu werden. Daives Textvorlage ist für Freunde literarisch
schwerer Kost ein spannendes Rätsel: „W, das Gedicht, ein paranalytischer Parcours, eine Übung in gehemmter Dissoziation, eine stenographische Erzählung von einem, der sich zur Sprache zu
bringen versucht und, da er viele ist, nur zu verschiedenen, geteilten und widersprüchlichen Sprachen kommen kann.“ (Urs Engler Edition). Regisseurin und Raumgestalterin Wanda
Golonka hat sich diesen Text in der für sie typischen Weise vorgenommen und sehr sorgfältig szenisch umgesetzt. Mit Martin Butzke hat sie einen Erzähler gefunden, der den sperrigen,
abstrakten Text nicht nur vorträgt, sondern die Verse behutsam mit Leben füllt, stets bestrebt das.Bündel verblendeter Bilder zu entwirren, die ihn, das Kind, stören. An seine Seite gestellt
ist die Pianistin Laura Konjetzky, die als Pianistin die „Erzählung“ musikalisch umsetzt. Weniger als Kontrapunkt, mehr als zweite, andere, Leseart des Stoffes. Der anfänglichen Stille
bei dunkler Bühne folgt die 6. Klaviersonate der russischen Komponistin der Extreme, Galina Ustwolskaja: schwere Klänge auf dem zunächst im Boden teil versenkten Flügel, ganz so als würde
sich hier jemand alle aufgestauten Aggressionen, Wut, Schmerzen und Enttäuschungen abarbeiten. Später fährt Konjetzky, samt Flügel nach oben, schwebt auf einer Schaukel über dem Geschehen,
spielt mit Händen und Füßen, wechselnd zwischen eigenen Kompositionen und Improvisation mit durchaus auch zarten und romantisch verträumten Passagen.
Das Spiel der beiden Performer findet auf leerer Bühne statt, seitlich stehen raumhohe schwarze Prospekte die den Raum auffächern. Nebe
Markus Gründig, Mai 07
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Das trunkene Schiff schauspielfrankfurt Besuchte Vorstellung: 15. Mai 07 (Premiere)
Geboren am 20. Oktober 1854 in Charleville
(Ardennen, Frankreich), gestorben am 10. November 1891 in Marseille: Arthur Rimbaud wurde nur 37 Jahre alt. Mit 14 Jahren unternimmt er erste Versuche, den engen und strengen Verhältnissen in
seinem Zuhause und in seinem Dorf zu entfliehen. Mit sechzehn Jahren schafft er dann den Sprung und lebt für zwei Jahre mit dem Dichter Paul Verlaine in einer Beziehung, “die sonst nur
zwischen Mann und Frau üblich ist”. Sein dichterisches Talent wurde schon früh entdeckt und gefördert. Mit 21 Jahren stellt er aber das Dichten ein, zieht durch Europa und betreibt
Handelsgeschäfte in Afrika, von wo er 1891 erkrankt zurückkehrt und kurz darauf stirbt. Der Druck im dörflichen Zuhause bei seiner vergrämten Mutter (der Vater hatte die kinderreiche
Familie wegen einer anderen Frau verlassen) belastete ihn schwer, setzte aber auch sein großes Talent frei. Rimbaud gilt als Wegbereiter moderner Lyrik, seine Gedichte als Schlüsseltexte der
Moderne mit unverkennbaren Einflüssen auf Symbolismus, Expressionismus und Surrealismus. Eines seine berühmtesten Gedichte ist das im Jahr 1871 geschriebene bildgewaltige „Le Bateau ivre“
(„Das Trunkene Schiff“), ein Gleichnis für die menschliche Existenz. Der deutsche Autor Paul Zech (1881-1946) war ein großer Fan von Arthur Rimbaud. Zech dichtete die szenische Ballade „Das
trunkene Schiff“ über Rimbauds Leben (die 1924 erstveröffentlicht und von Erwin Piscator am 1926 an der Volksbühne Berlin zur Uraufführung gebracht wurde). Auch der Regisseur Florian von
Hoermann (Jahrgang 1975) ist seit seinem Studium von Rimbauds Radikalität und seinem schier unbändigen Freiheitswunsch fasziniert. Nicht ohne Grund wählte er deshalb dieses Stück für seine
erste große Inszenierung am schauspielfrankfurt. Das Ergebnis: ein stimmiger Abend mit hervorragender Schauspielkunst und gelungener Bühnenoptiken. Von Hoermann kürzte das Stück auf 1 ¾
Stunden und um etliche Figuren. So konzentrierte er sich auf die drei Hauptrollen Rimbaud, Verlaine und Mathilde und ersetzte die gekürzten Rollen durch die Figur des „Anderen“, der als
Freund, Kläger und Alter Ego Rimbauds Weg begleitet. (mit bravouröser Frohmut, wie mit tiefem Ernst: Falilou Seck).
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Das trunkene Schiff schauspielfrankfurt
Mathilde Verlaine (Sandra Bayrhammer) & Arthur Rimbaud (Daniel Christensen) Foto: Alexander Paul Englert
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Die Bühne des Kleinen Hauses wurde von Rudolf Bekic offen gelassen, mit freiem Blick auf die rück- und seitwärtigen schwarzen Mauern, eingerahmt von einem großen
weißen Rahmen. Weiß sind auch die drei Spielflächen: ein großflächiges, abgeschrägtes Viereck, ein seitliches Dreieck und ein bis zum Publikum hinführender breiter Steg, der
über den Bühnenrahmen langt und die Grenze zwischen Bühnenraum und Publikum durchbricht. Bodenlos sind die verbleibenden freien Flächen, über die mittels schmalen
Gebälks gegangen wird. Aus den dunklen Bodenlöchern wird ab- und aufgetaucht.
Mit einem Papierschiff in der Hand sitzt der Beinamputierte Rimbaud zu Beginn auf seiner Insel und träumt, ebenso endet das Stück. Dazwischen legt „das Schiff“ u.a. in
Charleville, Paris, Brüssel und Äthiopien an.
Rimbauds Radikalität findet auch im schwarz/weiß der Bühne ihren Ausdruck. Mit fetten Pinseln wird auf den weißen Flächen gezeichnet und geschmiert, es gibt keinen Ort mit
Farbe, für Zwischentöne oder für Kompromisse
Wo Rimbaud in seiner Sturm und Drang Phase mit seinen Klamotten (so er nicht nur in Unterhose dasteht) seine Unabhängigkeit bürgerlicher Normen gegenüber ausdrückt, gibt
sich das Ehepaar Verlaine standesgemäß im Frack nebst Melone und Rock(auch in Schwarz und Weiß; Kostüme: Norgard Kröger und Katja Strohschneider). Rimbauds
dichterisches Schaffen hängt in Form einer LP an einer Wand, wie generell die von mehreren im Bühnenraum verteilte Plattenspieler kommende Musik von „nackt“ für die Gedichte Rimbauds steht.
Ist dies auch die vorletzte Neuinszenierung der laufenden Spielzeit, von Ermüdung ist seitens der Darsteller nichts zu spüren, im Gegenteil. Daniel Christensen (Rimbaud) und
Christian Kuchenbuch (als zehn Jahre älterer und ihm verfallener Verlaine; verjüngt mit dichterem kurzem Haar) geben sich dem exzessiven Leben Ihrer Figuren ganz hin
(Rimbaud benutzte bei seiner Suche nach dem wahren Leben schon in jungen Jahren Alkohol und Drogen), die spannungsreiche Beziehung zwischen den beiden setzen sie
plastisch und engagiert um. Christensen vermittelt Rimbauds Entrücktheit und das am Abgrund stehende bewundernswert, gibt sich verzweifelt, resigniert, fragend, suchend
und unbändig. Dabei lässt er sich auch von Verlaine gebrauchen und zur Spielfigur machen, bis es ihm aus dem After blutet. Derart in die Ecke getrieben ist es kein Wunder,
dass er mit diesem Mann und dessen Lügenleben nicht weiter leben kann und seinen eigenen Weg gehen muss.
Sandra Bayrhammer ist dabei nicht nur die Gehörnte Ehefrau Mathilde, die zunächst ohnmächtig dem Treiben ihres Mannes zuschaut. Mit Charme und innerer Stärke kämpft sie um ihre Ehe.
Einen Überraschungsmoment gibt es noch zum Ende, der sei aber hier nicht verraten.
Markus Gründig, Mai 07
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