kulturfreak

Besprechungen: Theater (19)

Die Dritte Generation
Schauspiel Frankfurt in Kooperation mit der Hochschue für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt/M
Besuchte Vorstellung: 18. Februar 12 (Premiere)

Die Bombe platzt im MyZeil

Norwegen am 22. Juli 2011, Madrid am 11. März 2004 und New York am 11. September 2001: dies sind nur ein paar Beispiele terroristischer Anschläge in den letzten Jahren. Auch in Deutschland gab es in den letzten Jahren und Jahrzehnten Anschläge. Die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts waren davon ganz besonders geprägt und sind vielen noch in Erinnerung. Unrühmlicher Höhepunkt war „Der deutsche Herbst“ 1977, mit der Entführung und Ermordung Hanns Martin Schleyers, der Entführung der Lufthansamaschine „Landshut“ und dem Selbstmord von drei Terroristen im Stuttgarter Gefängnis Stammheim. Rainer Werner Fassbinder, für viele einer der wichtigsten deutschen Nachkriegsregisseure (Bühne & Film; zeitweise auch Intendant des Frankfurter TAT), beschäftigte sich intensiv mit dem Thema Terrorismus bzw. wie dieser in der Bundesrepublik Deutschland von staatlicher Seite bekämpft wurde.
Dabei entstand auch seine Politkomödie „Die dritte Generation“. Ob des heiklen Themas wurden ihm eigentlich zustehende Fördergelder gestrichen, auch der WDR und der Berliner Senat zogen ihre Filmförderung zurück und so entstand ein Low-Budget-Film, der heute etwas bizarr anmutet, aber gerade deswegen auch fasziniert (aus der Sicht von Terroristen war es wohl eher eine Verunglimpfung). In den Kinos lief der von November 1978 bis Februar 1979 im damaligen West-Berlin gedrehte Film nur kurze Zeit und das Fernsehen mied ihn auch. Es war für Fassbinder also kein großer Erfolg wie „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ oder die nachfolgend entstandenen Filme „Berlin Alexanderplatz“ und „Lili Marleen“. Wie stets, so spielten auch bei „Die dritte Generation“ viele Fassbinder-Stammschauspieler mit (wie Eddie Constantine, Günther Kaufmann oder Hanna Schygulla).

Die Dritte Generation
Schauspiel Frankfurt in Kooperation mit der Hochschue für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt/M
Fritz (Rajko Geith), Ilse (Marlene Hoffmann)
© Birgit Hupfeld

Vom Film zur Bühne

In Kooperation mit der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt/M und der Hessischen Theaterakademie ist nun eine Dramatisierung dieses Films am Schauspiel Frankfurt zu sehen. Es spielen ausschließlich Studenten des 3. Jahrgangs. Regie führt Alice Buddenberg, die mit dem Solo „Das Scarlett O´Hara-Syndrom“ bereits Erfahrung mit der Umsetzung von Filmen für die Bühne gewonnen hat. Die Studenten können dabei auf ein professionelles Umfeld zugreifen, was Bühne, Licht und Ton anbelangt. Anders als bei den Jugendtheaterinszenierungen gibt es auch ein mehrseitiges Programmheft (und kein Faltposter). Abgesehen vom jungen Alter der Darsteller fällt aber auch kaum auf, dass es sich hierbei um Studenten handelt. Sie spielen schon sehr professionell und nutzen diese Gelegenheit, ihr bisher Gelerntes zu zeigen.
Die Filmfassung beginnt mit einem Blick aus dem Büro des Computerhändlers Lurz auf das verschneite Gebiet auf und um die Berliner Gedächtniskirche. Für den Beginn der Bühnenfassung wurde auf die im Film unüberhörbare Kritik Fassbinders am Medienkonsum und die darauf folgende Hysterie Bezug genommen (im Film sind über lange Strecken stets damals aktuelle Tagesschau-Nachrichten im Hintergrund zu hören). Hier sind es jetzt statt TV-Nachrichten die Schlagzeilen der heutigen Tageszeitungen, sei es die FAZ, die Bild oder die der Offenbach Post: Whitney Houstons Tod, Wulffs Rücktritt oder die Gründung einer Selbsthilfegruppe von Mitarbeitern der Drogeriekette Schlecker.
Die Bühnenrückwand ist mit Tageszeitungen gepflastert, Stapel von Tageszeitungen stehen im Hintergrund und werden zusätzlich herein getragen. An den Wänden hängen zahlreiche Überwachungskameras. Dazu steht eine riesige Zeitungspapierrolle auf der Bühne von Sandra Rosenstiel. Die Handlung spielt auch nicht in Berlin, sondern in Frankfurt. Statt im Berliner Rathaus soll hier im Einkaufscenter MyZeil die Bombe der Möchtegernterroristen hochgehen, Kommerz ist nunmehr heute ein wichtigeres Thema als die Politik. Ein paar wenige Szenen werden auch per Video eingespielt bzw. aus dem Untergrund übertragen (Video: Benno Listing und Constantin Braml).

Die Dritte Generation
Schauspiel Frankfurt in Kooperation mit der Hochschue für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt/M
Fritz (Rajko Geith), Petra (Marlene Hoffmann)
© Birgit Hupfeld

Die Stars von morgen?

Die Geschichte um die Terroristen aus Langeweile, von spießigen Bürgern (darunter mehreren Ehepaaren, bei denen noch die klassische Rollenverteilung herrscht: sie kocht und bringt ihm das Bier), die das ganze Geschehen lediglich des besonderen „Kick“ wegen machen, wird in einem rasanten Tempo gespielt. Dabei sitzt jede Szene. Die einzelnen Teile (Fassbinder teilte den Film in sechs Kapitel ein, denen er mottoartig Zitate aus Berliner Toilettenwänden voranstellte) werden hier durch musikalische Versatzstücke unterbrochen (Musik: Stefan Paul Goetsch; mit Gesang von den Beteiligten Marlene Hoffmann und Rajko Geith). Zum Film gibt es viele Wiedererkennungsmerkmale, über den identischen Text hinaus (auch wenn einzelne Figuren und Szenen gestrichen bzw. verkürzt wurden). Selbst die Stimme der jungen französischen Selbstmörderin, die sich Hilde (impulsiv: Kathrin Berg) so gerne anhört, fehlt nicht.
Die Darsteller spielen mehrfache Rollen, sind dann aber auch entweder farbig angemalt (wie Rajko Geith, der einen kernigen Franz gibt und dem man seine Ausbildung im afrikanischen Trainingslager gerne abnimmt). Oder sie tragen große Schwellköpfe auf aufgeblähten Körpern, wie Herr Lurz (unter dem sich Marlene Hoffmann versteckt, die auch charaktervoll die drogensüchtige Ilse spielt, ohne allerdings wie diese im Film nackt herumzulaufen). Der Figur des südländischen Machos Paul kommt Tom Bartels nicht nur optisch mit seinem Oberlippenbart nah. Daniel Rothaug gibt einen couragierten und rechtschaffenen Bernhard (und zeigt dabei viel Haut). Christoph Bahr ist u.a. der von seiner Frau und seinem Vater hintergangene Edgar (bei der Ehebruchsszene ejakuliert der Vater aus einer Mayonnaisenflasche, da ist die Bühnenfassung ausnahmsweise frivoler als der Film). Karoline Stegemann verkörpert lustvoll die Strippenzieherin Susanne. Zum Schluss hin im Skelettdress (Kostüme: Martina Küster), schließlich spielt die letzte Szene mit der Entführung des Unternehmers Lurz an einem Faschingsdienstag.
“Die dritte Generation“ ist ein Stück, das den jungen Darstellern viel abverlangt und viele Chancen bietet und dabei noch mit Spaß unterhält. Wobei Fassbinders Kritik am Umgang des Staates mit der Terrorismus-Bekämpfung bei all dem turbulenten Bühnengeschehen etwas zu stark in den Hintergrund gerät. Zu Recht viel Applaus für das glaubwürdige und leidenschaftliche Spiel der zukünftigen Bühnenstars.

Markus Gründig, Februar 12

Infos zum Stück

Iwanow
Schauspiel Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 17. Februar 12 (Premiere)

In der Endphase der Faschingskampagne 2012 setzte das Schauspiel Frankfurt mit der Premiere von Anton Tschechows „Iwanow“ auf ein Kontrastprogramm. Das in nur elf Tagen entstandene vieraktige Stück war zwar ursprünglich als Komödie konzipiert, wurde nach schlechten Kritiken aber zum Drama umgearbeitet. Es ist, wie seine späteren Werke, ein typisches Portrait Tschechows über die gesellschaftlichen Veränderungen seiner Zeit. Die Handlung spielt in einem in Mittelrussland gelegenen Landkreis im Jahr 1880. Dort lebt der 30-jährige Intellektuelle und pathologische Melancholiker Nikolai Alexejewtisch Iwanow, der bis vor wenigen Jahren noch kraftstrotzend und voll ungestümen Tatendrangs war. Doch nun droht er nicht nur zu verarmen. Zusätzlich ist seine Frau tödlich an Tuberkulose erkrankt und die Liebe zu ihr ist erloschen. So ist es ihm schon zu viel, in einem Raum von rechts nach links zu gehen. Müde sitzt er auf seinem Gut am Ende einer langen Tafel (die im ansonsten leeren Hauptbühnenraum wie auf einem flach liegenden Bilderrahmen steht) und schafft es nicht, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. Dabei begreift er eigentlich alle Umstände sehr wohl. Aber seine Depression zehrt an ihm und er ekelt sich vor sich selbst. Er will lieber untergehen, als seinen Allerwertesten auch nur einen Zentimeter zu bewegen. Isaak Dentler schafft es ihm das tragisch tiefe Profil eines Verlierers zu geben, der nicht nur Anna und Sascha in seinen Bann zieht.

Iwanow
Schauspiel Frankfurt
Iwanow (Isaak Dentler)
© Birgit Hupfeld

Ein Einsamer in illustrer Runde

Eine Zeitlang war es, nicht nur am Schauspiel Frankfurt, üblich, Stücke auf ein pausenloses Spielformat von zwei Stunden zu stutzen. Mittlerweile ist dies erfreulicherweise immer seltener der Fall. Die Regisseure trauen sich wieder verstärkt, eine Pause einzuplanen. Wenn die Inszenierung gut ist, werden die Massen auch nicht zur Pause aus dem Theater gehen. So auch nicht bei „Iwanow“, das mit knapp drei Stunden Spieldauer (inklusive einer Pause) schon seine Länge hat. Etwas langatmig ist in der Inszenierung von Hausregisseur Christoph Mehler nur der erste Akt mit der Einführung in Iwanows Gutsherrenmelancholie. Dann aber geht es von Szene zu Szene spannend weiter, bis hin zum ungewöhnlichen Schluss.
Neben der Figur des Iwanows, der in seiner Passivität selbst noch den Hamlet (mit dem er sich gerne vergleicht) um Längen schlägt, gibt es allerhand schräge und schrille Figuren um ihn herum. Wie die hysterisch kreischende, heiratswillige und rasend durch den Raum eilende Marfa der Sandra Gerling oder dem zwar noch recht mittellosen, dafür aber mit umso mehr Sinn fürs Geschäftsleben ausgestatteten Michail (selbstbewusst, aufgeschlossen und visionär: Sascha Nathan). Die lebensfrohe zweifache Witwe und achtfache Mutter Awdotja (fröhlich singend: Josefin Platt) hätte nichts gegen eine weitere Ehe. Nicht zu vergessen der viel lachende und glücksspielfreudige Dimittrij des Matthias Scheuring.
Komödienreif sind Saschas Eltern. Thomas Huber gibt einen einfachen, aber mit viel praktischem Sinn ausgestatteten Vater (dem man seine Trinkfreudigkeit nicht anmerkt). Heidi Ecks ist die strenge, sich um das Wohl sorgende Frau im Haus. Sie besitzt das meiste Geld und dementsprechend bestimmt sie, wo es langgeht.
Mehler gibt auf der großen, offenen Bühne seinen Darstellern auch ausreichend Raum, ihr Innerstes nach außen zu kehren. Dies zeigt Lisa Stiegler als jugendliche ungestüme und fröhliche Sascha wunderbar. Tief berührend ist auch Claude De Demos Anna, die über ihre Krankheit hinaus ja noch von ihrem Mann verraten und verlassen wurde. Auf allen Vieren kriecht sie heran, schlägt mit dem Kopf immer wieder auf den Boden, jede Pore ihres Körpers drückt ihr tiefes Leiden aus. Für die alte Generation, die ihr Leben für die anderen geopfert hat und nun mittellos keinen Platz mehr in der Gesellschaft hat und fort will, steht Graf Matwej (enttäuscht, fassungslos und lebensmüde: Ernst Alisch).

Iwanow
Schauspiel Frankfurt
Anna (Claude De Demo), Iwanow (Isaak Dentler)
© Birgit Hupfeld

Das Ende verbindet hier quasi beide Fassungen

Der Zuschauer ist zugleich Gast in beiden Häusern, das von Iwanow und das der Lebedews. Die einzig auf der Bühne stehende lange Tafel ist links fast leer (Iwanow-Seite ), rechts dagegen umso üppiger gedeckt (Lebedew-Seite). Dass die Welt aus den Fugen geraten ist, wird nach dem ersten Akt deutlich, denn die innere, an vier Stahlseilen aufgehängte Spielfläche, ist nun erst nach vorne gekippt, nach der Pause dann nach hinten (Bühne: Nehle Balkhausen). Im kürzeren Teil nach der Pause geht es dann recht schnell zur Sache. Chefankläger Lwow (schneidig und unerbittlich: Martin Rentzsch) ist fest davon überzeugt, dass Iwanow ein ausgesprochener Heiratsschwindler ist, der die gute Seele von Anna leichtfertig fallengelassen hat, nachdem sie von ihren Eltern enterbt worden war. Wobei dieser Punkt im Stück stets offen bleibt, es keine Beweise dafür gibt. Aber so wie unerschütterlich gewisse Kräfte jetzt an Christian Wulffs Stuhl gesägt haben, so beißt sich Lwow fest. Der Teil nach der Pause ist kürzer. Es geht dann alles recht schnell. Anna ist inzwischen gestorben und Iwanow wird von Saschas Vater zur Heirat genötigt. Während der Hochzeitsfeierlichkeiten platzt bei ihm ein innerer Knoten. Die Feier hat eine kathartische Wirkung auf ihn: Alle Sorgen sind nun wie weggeblasen. Doch dann kommt Lwow. Er fackelt nicht lange rum und schießt den frisch gebackenen Ehemann kurzerhand ab. Zuviel Glück darf es nicht geben, nicht für so einen Hund wie Iwanow. Christoph Mehler weicht hier von der Tragödienfassung Tschechows ab, bei der sich Iwanow selbst erschießt.

Die heilende Kraft der Musik

Zugrunde liegt die deutsche Fassung von Elisabeth Plessen (nach einer Übersetzung von Ulrike Zemme). Die Sprache ist unauffällig zeitgemäß, sehr lebendig. So kommt das Stück als sehr gegenwärtig herüber. Schließlich gibt es auch bei uns im hier und heute erschreckend viele junge männliche Selbstmörder und wird das Thema Depression gerne tabuisiert. Die heilende Kraft von Musik wird auch in dieser Inszenierung deutlich. Denn ein Musiker (Oliver Urbanski) ist fast die ganze Zeit auf der Bühne. Erst im Hintergrund dezent am Klavier, später mit fröhlichen Tönen vom Akkordeon als Begleiter der alten Awdotja und als Hochzeitsmusiker im Nebenraum. Zum Teil kommt die Musik auch vom Band, wie bei Iwanows Kapitulation über seine Krankheit. Erst sitzt er frontal vor dem Publikum auf einem Stuhl, um dann in der Musik einen tranceähnlichen Zufluchtsort zu finden.
Das pralle Leben mit seinen Höhepunkten und Niederlagen, wird hier vorgeführt. Durch die Genesung Iwanows hätte es fast ein Happy End gegeben, wäre da nicht die vernichtende Realität in Form des Doktors. Viel Applaus von einem Publikum, das in Teilen vom sonst üblichen Premierenpublikum abwich. Auffallend viele Damen im chicen Kostüm und Herren im edlen Anzug fehlten. Vielleicht hatten sie ja eine Depression und konnten nicht kommen. Gelohnt hätte es sich für sie schon.

Markus Gründig, Februar 12

Infos zum Stück

Frau Sperlings Raritätenladen
Volkstheater Frankfurt Liesel Christ
Besuchte Vorstellung: 11. Februar 12 (Premiere)

Mit einer wunderbaren Inszenierung von „Frau Sperlings Raritätenladen“ zeigt das Frankfurter Volkstheater, dass es auch im Jahr 2012 sein Publikum erreicht und neues hinzugewinnen kann. Dabei gibt es rund um diese Neuproduktion im von Gisela Dahlem-Christ geführten Haus weitere Optimierungen. Für die Pressearbeit ist jetzt der Journalist, Autor, Betreiber der artig galerie und dialog GmbH, Heinz-Frank zu Franken zuständig. In seinem und Sabine Börchers Verantwortungsbereich liegen auch die Programmhefte, die sich nicht nur optisch sehr hochwertig geben, sondern auch wesentlich ausführlichere Informationen zu den Stücken liefern (und nebenbei schöne Möglichkeiten für Anzeigenkunden, Kulturengagement mit Werbung zu verbinden).

Frau Sperlings Raritätenladen
Volkstheater Frankfurt Liesel Christ
Klara Sperling (Erika Strotzki)
© StU GRA PHO

Für Erwin Krekers dreiaktiges Lustspiel „Frau Sperlings Raritätenladen“ verpflichtete das Frankfurter Volkstheater die Schauspielerin, Regisseurin und Wahlberlinerin Peggy Lukac, die sich mit großem Eifer in Frankfurter Verhältnisse eingearbeitet hat. In der hessischen Bearbeitung von Natascha Retschy kommt Erwin Krekers Stück wie ein Frankfurter Original daher. Im Mittelpunkt steht die patente Powerfrau Klara Sperling (unerschütterlich: Erika Skrotzki), die durch keine noch so große Katastrophe aus der Fassung zu bringen ist und stets eine Lösung parat hat. Im Haus der Familie Sperling, die einen einfachen Raritätenladen in Dribbdebach führt, herrscht Emanzipation. Mama schmeißt den Laden, Papa Alex (Heinz Harth) hat die Küchenschürze umgebunden und sorgt sich um den Haushalt. Wie er auch sonst manch traditionell weibliche Eigenschaften zeigt: das sich Sorgen und Gedanken machen, kein Risiko eingehen wollen und ja den Hausfrieden wahren wollen. Mama Klara ist da ungestümer, der Zweck heiligt die Mittel ist ihr Motto. So wird beispielsweise ein historisch anmutendes Bett flugs Madame de Pompadour zugeschrieben, das Kundin Elvira Dorsch (lustvoll quiekend: Verena Wüstkamp) gut als Liebesnest gebrauchen kann. In ihrem sexy Korsett (Kostüme: Bärbel Christ-Heß und Claudia Rohde) zeigt sie ihre gute Figur. Tochter Anna (überlegt: Iris R. Hassenzahl) schlägt nach der Mutter, ihr Herz aber einzig für Paul (charmant und mit jugendlichem Elan: Tino Leo): Er ist der Sohn des ehrwürdigen Antiquitätenhändlers aus Hippdebach: von Schönebaum (aristokratisch: Helmut Potthoff). In kleinen Rollen noch dabei: Thomas Hessdörfer als Professor Dr. Weilersheimer und als Kameramann, Steffen Wilhelm als Rechtsanwalt Dr. Langner und als für den Ton zuständigen TV-Mitarbeiter.

Frau Sperlings Raritätenladen
Volkstheater Frankfurt Liesel Christ
Klara Sperling (Erika Strotzki), Elvira Dorsch (Verena Wüstkamp)
© StU GRA PHO

Die Handlung spielt zwar im mit allerhand kuriosen Antiquitäten voll gestopften Verkaufsraum der Sperlings (Bühne: Rainer Schöne) und es gibt reichlich Musik von Bill Ramsey und Elvis, allerdings im hier und heute. So gibt es Bezüge zu griechischen Staatsanleihen, Laptops und Handys. Im dritten Akt nach der Pause lösen sich alle Verwicklungen und Probleme mit manch unerwarteter Wendung auf. Viel Applaus für ein turbulentes Spiel, vor allem für Erika Skrotzki als unermüdliche Überlebenskämpferin Klara Sperling.

Markus Gründig, Februar 12

Infos zum Stück

Die Unerhörten
Staatstheater Mainz
Besuchte Vorstellung: 10. Februar 12 (Premiere)

Natürlich muss alles billig sein, auch wenn in Deutschland “Geiz ist geil“ nicht mehr gilt. Die Deutschen kaufen gern und viel, am liebsten günstig und bei Discountern. Dort gibt es inzwischen zwar auch vereinzelt Produkte aus dem Bereich Fairen Handel, doch meistens geht es um günstige Produkte, wie beispielsweise Fleisch oder auch Bekleidung. Dabei ist es gerade die industrielle Fleischproduktion, die Auswirkung bis hin zu den Schwellenländern hat. Denn um den hohen Fleischbedarf der Industrieländer bedienen zu können, werden viele Ressourcen benötigt (wobei beispielsweise ein Großteil der Weltgetreideproduktion allein für die Viehfütterung verwendet wird). Und für günstige Kleidung bei uns führen Menschen in fernen Ländern wie Bangladesh ein Leben unter dem Existenzminimum. Keiner fühlt sich schuldig und doch hat das Weltwirtschaftssystem mehr als einen Haken.

Die Unerhörten
Staatstheater Mainz
Schlussapplaus der Premiere (Mitte: Matthias Fontheim Marc Thurow)
© Markus Gründig

Der amerikanische Autor und Pulitzer-Preisträger Bruce Norris hält seinem Publikum gerne einen Spiegel vor und entlarvt so manch Zivilisationskrücke. So auch in „Die Unerhörten“, bei dem sich westliche Entwicklungshilfebestrebungen als sehr eigennützige bzw. egoistische Maßnahmen herausstellen. In Mainz ist Bruce Norris längst kein Unbekannter mehr. Michael Fontheim, Intendant am Staatstheater Mainz, brachte mit „Reiz und Schmerz“ (2008) und „Clybourne Park (2010) bereits zwei seiner Stücke auf die Bühne, beides als deutschsprachige Erstaufführungen. Auch die Komödie „Die Unerhörten“ erfolgt jetzt als deutschsprachige Erstaufführung. Wobei es sich nicht um ein neues Stück des amerikanischen Autors Bruce Norris handelt. Die Uraufführung fand 2006 in Chicago statt. Aktuell sind die behandelten Themen dennoch. Der Spagat zwischen einem nicht näher genannten Land am afrikanischen Äquator und zu uns heute ist dabei gut gelungen, auch wenn die Lebenssituation der Menschen in Afrika nur sehr grob gestreift wird. Die nur an einem Tag (und dessen Nacht) spielende Handlung findet ausschließlich in einem der vier Schlafzimmer in der Villa eines amerikanischen Industriellen statt (der sich seinen Reichtum durch die Ausnutzung billiger Arbeitskräfte, die er zu schlechten Arbeitsbedingungen schuften lässt, verschafft hat). Marc Thurow (Bühne und Kostüme) hat einen mit reichlich afrikanischen Einrichtungsgegenständen ausgestatteten Raum geschaffen, mit viel dunklem Holz und einer Glastür zum Garten, in dem eine Palme und auch starker Regen zu sehen sind. In diesem Zimmer ist ein anderes amerikanisches Paar zu Gast, zwangsweise, ihr Haus (eine Missionsstation) wurde Opfer eines Brandanschlags.
In weiten Teilen überwiegt ein bissiger, komödienhafter Stil, etwa wenn zu später Stunde die Paare ihre Gehässigkeiten austauschen. Doch Bruce Norris will stets mehr als nur unterhalten. Er will eine Message vermitteln. Hier macht er dies sogar ganz offensichtlich. Das Publikum wird im Foyer durch Klänge von Baloji (einem in Belgien aufgewachsenen, aber im Kongo geborenen Musiker) bereits auf den afrikanischen Kontinent eingestimmt. Im Saal begrüßt ein vorlauter jugendlicher Darsteller (Jonathan Kwesi Aikins) das Publikum: „Leute, geht nach Hause, schaut TV, das ist spannender und ihr habt mehr davon…“. Was sich zum Schluss dann ähnlich wiederholt. Dazwischen gibt es aber unbeschwerte Unterhaltung mit Tiefgang. Denn unter dem Deckmantel vermeintlicher Nächstenliebe und guter Taten lauern Angst, Eigensinn und Gier. Matthias Fontheim lässt es harmlos mit gepflegter Gesellschaftskonversation beginnen und gibt im ersten Teil den Protagonisten Gelegenheit, sich und ihre kleinen und größeren Macken darzustellen. Da ist das Geburtstagskind und Gastgeber Don (tiefenentspannt: Marcus Mislin), der zunächst die Etikette wahrt, doch später gehen ihm die Ereignisse dann doch stark zu Herzen. Seine Frau Nancy (charmant: Andrea Quirbach) ist eine wahre Quasselstrippe und kann auf ein intensives Liebesleben zurückblicken . Jane, die Verlobte des Missionars (das Paar ist erst zwei Monate zusammen), hat mit einem schweren, „hypothetischen“ Frauenleiden zu kämpfen. Die ehemalige US -Schauspielerin hat ihre Karriere aufgegeben, um sich um die Kinder in der 3. Welt zu kümmern, doch so ganz eingliedern will sie sich dann doch nicht, schon gar nicht in einen Schuppen ziehen, wo es im Haus von Don und Nancy doch so viel komfortabler ist. Jele Brückner gibt sie vielschichtig, kämpferisch, dabei reichlich Schimpfwörter gebrauchend. Ihre vermeintlichen Schmerzen weiß der bei Don angestellte Doktor und Paradiesvogel (im weißen Anzug, blauen Schuhen, grünem Brillengestell und Rastalocken gerne einen Joint rauchend, Jean Claude Mawila) zu lindern: mit in Wasser aufgelöstem Puderzucker… Tilman Rose kommt als Missionar Dave auf der Bühne kerniger rüber, als er auf den Probefotos im Programmheft wirkt: als beflissener Kämpfer für das Wort Gottes (für das es im Gegenzug für die Einheimischen Cornflakes, Unterricht und mehr gibt). Als Vertreterin des korrupten politischen Systems (das auch Homophobie, Genitalverstümmelungen, Kinderprostitution etc. nicht nachhaltig bekämpft) fungiert Tante Mimi, die auch nicht gerade auf den Mund gefallen ist. Lara-Sophie Milagro zeigt in ihrem Kampf in der Demokratie, die ja so schrecklich langatmig ist, Härte und Strenge. In ihrer langen bunten Bluse über dunkler Hose kommt sie dennoch sympathisch rüber. Die beiden Soldaten (Leander Graf und Felix Frenken) haben sichtbar Spaß, an dem was sie tun, wobei das nicht immer nur Gutes ist. Die Darsteller der afrikanischen Personen wurden für diese Produktion eigens vom Berliner Theater -Ensemble Label Noir engagiert (dessen künstlerische Leiterin Lara-Sophie Milagro ist).
Mit der Äußerung eines der beiden Soldaten „Wir haben ein Problem“ endet der erste Teil. Wie sich herausstellt, ist der Missionar Dave verschwunden und dies führt im dichteren, zweiten Teil zu großen Konflikten. Aber wie es sich für eine Komödie gehört, lösen sich diese zum Ende hin auf. „Leute, das war’s“, geht nach Hause…“ spricht Jonathan Kwesi Aikins, der sich inzwischen von seinen Misshandlungen durch die Soldaten erholt hat, erneut vom Saal aus zum Publikum. Das ist aber doch froh, geblieben zu sein und spendet freundlichen Applaus.

Markus Gründig, Februar 12

Infos zum Stück

Friede den Hütten! Krieg den Palästen!
Theaterperipherie Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 27. Januar 12

Mit dem im Jahr 1813 im hessischen Goddelau (bei Darmstadt) geborenen Georg Büchner beschäftigte sich theaterperipherie bereits bei seinem letzten Stück („Woyzeck und Marie“). Für „Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“ dienten Büchners agitatorische Flugschrift „Der hessische Landbote“ und sein Drama „Dantons Tod“ als Grundlage. Der Fokus liegt also auf den politischen und sozialen Verhältnissen, denn der vor 175 Jahren jung gestorbene Naturwissenschaftler Büchner setzte sich bei diesen Werken auch intensiv mit der Französischen Revolution und den sozialen Missständen im Deutschland seiner Zeit (19. Jahrhundert) auseinander. Dabei ist man geneigt, auch an Shakespeares Hamletspruch zu denken: „Etwas ist faul im Staate Dänemark“. Denn Büchner konstatierte ein dramatisches Ungleichgewicht zwischen den armen und hart arbeitenden Bauern und den „Melkern und Schindern“ (die Großherzogliche Regierung und ihren Beamten).

Friede den Hütten! Krieg den Palästen!
Theaterperipherie Frankfurt
Adil Khadri
Foto: Theaterperipherie Frankfurt

Für theaterperipherie ist es Programm, junge Laiendarsteller mit Migrationshintergrund als Darsteller zu verpflichten, so auch bei diesem Stück. Der Abend im Bockenheimer Titania-Theater beginnt ungewöhnlich. Das Publikum wird in kleinen Gruppen (à 15 Personen) von einem „Reiseführer“ zunächst in einem Vorraum herzlich willkommen geheißen. Dieser gibt dann eine kurze Einführung über sein (Heimat-) Land. Anschließend nimmt das Publikum im Saal platz. Aber nicht auf den Stuhlreihen, sondern auf einer Tribüne gegenüber. So schaut das Publikum auf die Stuhlreihen, in denen verteilt sieben Darsteller sitzen. Sie tragen alle Kapuzensweatshirts in unterschiedlichen Farben, dazu schwarze Zunfthosen (ohne Schlag) und schwarze Schuhe mit einer weißen Banderole (Ausstattung: Jana Lünsmann-Messerschmidt/ Verena Polkowski). Auf ihrem Schoss befindet sich jeweils ein Laptop. Sie sind gewissermaßen alle gleich, trotz unterschiedlicher Färbung. Und wie soziale Netzwerke im arabischen Frühling Machthaber gestürzt haben, wollen auch sie eine Veränderung. Ihre Probleme, ihre Nöte, kommen sie nun aus Bulgarien, Iran, Irak, Libanon, Marokko oder der Türkei, sind letztlich ähnlich. Wie choreographiert sprechen sie wechselnd einzeln und gemeinsam „Den hessischen Landboten“. Gesprochenes wird zum besseren Verständnis zusätzlich in Laufschrift auf der Rückwand projiziert. Der Kampfaufruf „Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“ ertönt dabei u.a. auf bulgarisch, arabisch, kurdisch und türkisch. Abschnitt für Abschnitt nähern sie sich Reihe um Reihe dem Publikum. Bis sie diesem ganz nah gegenüberstehen. Der gut gemachte Rap „Steht auf“ ist wörtlich zu nehmen. Denn nun geht es zurück zum jeweiligen „Reiseführer“, der per Videoliveschaltung auf seinem Laptop mit einer Person aus seinem Heimatland verbunden ist. Gelegenheit mehr zu erfahren und Fragen zu stellen, beispielsweise über die Situation von Frauen im Iran oder über die Demütigungen von Kurden in der Türkei (galante Umschreibung für einen Bestechungszwang an der Grenze: „Ihrem Paß fehlt eine Seite!“, d.h.: ein Geldschein!). Ein pragmatischer interkultureller Austausch par Excellence. Nach ca. 20 Minuten folgt der letzte Teil, die Stühle sind nun zur Bühne gerichtet, auf der Tribüne lehnen die Sitzkissen und zeigen das Konterfei der Protagonisten. Die stürmen alsbald wild los, denn nun ist man bei Danton und Robespierre angekommen, in der Spätphase der Französischen Revolution, im Paris des Jahres 1794. Wobei aus den 32 Szenen nur eine Quintessenz gegeben wird. Regisseur und Theaterleiter Alexander Brill gibt den Danton, der müde und lustlos herumlungert, obwohl seine Lage ein aktives Vorgehen erfordert. Damit hält er gleichermaßen uns heute einen Spiegel vor, die satt und träge die mitunter katastrophalen Geschehnisse und Verhältnisse auf der Welt und in unserer unmittelbaren Umgebung nichtstuend hinnehmen. Und auch die Figur des tatgehemmten Hamlet spiegelt sich in Danton. Am Ende viel Applaus für das spielfreudige Ensemble (das zum Teil richtig viel Textmenge bewältigen musste) und Begeisterung für den aktuellen Bezug zu Büchner.

Markus Gründig, Januar 12

Infos zum Stück

Liebesspiel
Schauspiel Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 20. Januar 12 (Premiere)

Im weißen Umhang sitzt ein Kind auf einer Couch, die zur Hälfte vom samtroten Bühnenvorhang verdeckt ist. Wie es Kinder gerne machen, steht es auf und gibt Schreie von sich, so als wolle es die nicht anwesenden Eltern aufschrecken. Es zieht dann den Vorhang auf und begibt sich in sein kuscheliges Zimmer (hier ein Baumhaus mit vielen Lichtern und vielen Zetteln an den Wänden). Die Eltern stehen verteilt unten, auf einer kahlen Holzbretterbühne, neben der Couch steht lediglich eine Stehlampe in einer Ecke. Dazu gibt es fünf große Löcher im Boden, aus denen Auf- und Abtritte erfolgen. Bühnenbildner David Gonter hat für die deutschsprachige Erstaufführung von Lars Noréns „Liebesspiel“ einen abstrakten Raum gewählt. Wo das Kind noch einen Ort der Zuflucht hat, haben die Erwachsenen diesen nicht. Orientierungslos irren sie mit ihren Träumen und Sehnsüchten durch das Leben.

Liebesspiel
Schauspiel Frankfurt
B”, Constanze Becker
© Birgit Hupfeld

Sie tragen keine Namen, nur alphabetische Bezeichnungen und stehen so als Synonym für eine Gesellschaft, die mehr in ihren Träumen lebt, als fest verankert mitten im Leben zu stehen. Einzig „A“ hat einen Sinn fürs Praktische, will seine Wäsche selber waschen und ist bemüht, seinen Traum von einem Haus zu verwirklichen. Sein einziges Manko scheint seine Neigung zu einem gewissen Jähzorn zu sein. Till Weinheimer gibt ihm ein sympathisches Profil. Seine Frau „B“ wirkt in ihrem rötlichen Kleid sehr sinnlich. Sie ist von allem schlichtweg überfordert. Auf nahezu jede Frage antwortet sie „Ich weiß nicht“. Constanze Becker vermittelt ein eindringliches Bild einer Frau, die in sich gefangen ist, alles richtig machen will und doch alles irgendwie vermasselt. Fast schon grotesk wirkt ihre Bereitschaft für eine Liebesnacht mit „A“, nur um ihm einen Gefallen zu tun (nach dem Motto „du willst doch“). Bezeichnenderweise hilft dem Paar „A“ und „B“ auch nicht, dass sie ein Kind haben. Sie machen sich zwar Gedanken um ihren Jungen, sorgen sich, wie sie ihm die Nachricht über ihre Trennung beibringen können. Doch das Kind an sich hilft ihnen bei ihren Problemen miteinander nicht. So bleibt es alleingelassen in seiner Bude, ohne Berührungen und Nähe zu den Eltern.
„C“ und „D“ hätten gerne ein Kind, also eigentlich nur „D“. Wenn es aber dann sein soll, macht sich „C“ Gedanken über all die Adoptivkinder, die wegen ihres Alters, Aussehens oder ihrer Krankheit auf der Strecke bleiben. Andreas Uhse gibt den Lehrer „C“ mit markanter Härte. Birte Leest ist „D“, die es immerhin schafft, ihre Kinderlosigkeit zu akzeptieren und einen neuen Partner findet („F“, auch Till Weinheimer).
In 23 kurzen Szenen behandelt Norén die Beziehungen dieser Paare, die auch noch untereinander eine Beziehung aufbauen („B“ mit „C“). In der Darstellung dieser zwei gescheiterten Beziehungen folgt Norén der Tradition seiner schwedischen Kollegen Strindberg und Bergmann. Trotz manch humorvoll wirkender Sätze hat das Stück ein langsames Tempo und eine gewisse trübsinnige Stimmung. Es gibt viele Zeitsprünge, wodurch die Geschichte an Fahrt und Tiefe gewinnt. Regisseur Alexander Frank vermittelt diese Momentaufnahmen über Kinder- und Liebeswahn in kurzweiligen 90 Minuten. Viel Applaus.

Markus Gründig, Januar 12

Infos zum Stück

Red Light Red Heat
Schauspiel Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 17. Januar 12

Eines der nachhaltig in Erinnerung gebliebenen Stücke der Intendanz von Dr. Elisabeth Schweeger am Schauspiel Frankfurt ist Wanda Golonkas „For Sale“, das im Oktober 2005 Premiere hatte. Bei dieser „Vor-/Ausstellung“ wurde in kleinen Zuschauergruppen das Schauspiel Frankfurt erkundet. Mit Einblicken in abseits gelegenen Treppenhäusern, den Schnürboden (unter dem Dach) bis hin zu den katakombenähnlichen Gängen im Keller. Dabei ging es für die Zuschauer u.a. auch durch einen mit rohem Fleisch und grünem Gras ausgestatteten Flur, konnten Darsteller in Vitrinen stehen oder fast nackt in Ecken sitzend entdeckt, oder aber auch ganz gemütlich ein Glas Rotwein in einer kuscheligen Rauminstallation goutiert werden. Gegenstand war die körperliche Umsetzung von gesellschaftlichen Fragen. Die als „Überbelichtungsmenagerie“ untertitelte Schauspiel Frankfurt Box-Tour ins Frankfurter Bahnhofsviertel von Pedro Martins Beja (Regie) und Paul Wiersbinski (Text und Video) führt Golonkas „For Sale“ gewissermaßen fort. Denn auch bei dieser Tour geht es um die Erkundung von Unbekanntem, um Essentielles und Existentielles. Jetzt, im Jahre 2032, haben herzlose Cybermenschen die Herrschaft übernommen. Echte Gefühle und biologische Fortpflanzung gibt es nicht mehr. Nur noch wenige Digitalverweigerer leben. Sie haben ihre Zelte vis à vis der Städtischen Bühnen Frankfurt stehen, in einem als Occupy bezeichneten Dorf.

Red Light Red Heat
Schauspiel Frankfurt
Sébastien Jacobi, Henriette Blumenau
© Birgit Hupfeld

Ausgestattet mit MP3-Player, Kopfhörern und einem Stadtplanauszug (mit eingezeichneten Routen) begeben sich die Zuschauer in Zweiergruppen erst über das Occupy -Zeltlager und dann in das unmittelbar an die Gallusanlage angrenzende Bahnhofsviertel, Frankfurts urbansten Stadtteil. Noch immer gibt es hier viele Bordelle, Nachtclubs, Sex-Shops und Druckräume (vor denen die Junkies herumlungern). Aber es gibt auch eine Unmenge an Cafés und Restaurants, an Boutiquen, Geschäften und Hotels. Die von der Stadt Frankfurt seit fünf Jahren jeweils im August organisierte Bahnhofsviertelnacht bietet eine hervorragende Gelegenheit, das Revier zu erkunden. Beim entspannten Gang während der „Red Light Red Heat“ Veranstaltung, kann zumindest ein erster optischer Eindruck gewonnen werden. Alle Routen enden vor dem legendären Nachtklub Pik Dame. Als Geheimtipp für Kabarett, klasse Livemusik und Soul in der von Gabriel Groh und Thorben Leo initiierten Reihe Pik-Sonntag (www.pik-sonntag.de) ist er außerhalb der Szene schon lange bekannt.
Hier stehen schon die ersten Roboterautomaten und es gibt, bevor es in den Club geht, eine russische Begrüßung (von der in schwarzen Highheelstiefeln bestückten strahlenden Bambi Lovedoll). Innen übernimmt dann der temporäre Hausherr Sébastien Jacobi (im weißen Kunstfellmantel und spitzen weißen Schuhen ganz auf Lude gemacht) die Führung und begrüßt seine Gäste charmant und eloquent. Dies ist die Gelegenheit sich einen Drink zu kaufen (z.B. ein Glas Rotwein für Euro 6,00) und Platz auf einen der gemütlichen Stuhlsessel (oder im Separée) zu nehmen. Oder auch das Etablissement zu erkunden, denn ab jetzt ist die vierte Wand aufgehoben. Damit geht man hier noch einen Schritt weiter als in Bernhard Mikeskas und Lothar Kittsteins Projekt „Je t'aime :: Je t'aime“, das im September letzten Jahres im Bockenheimer Depot gezeigt wurde. Zuschauer werden, so sie wollen, zu Akteuren, auf der Bühne gibt es Showeinlagen (von einer Tänzerin, aber auch Sébastien Jacobi beweist Talent an der Pool-Stange und scheut sich kaum, die Hüllen fallen zu lassen). Wie das ganze Ensemble und die „Bio-Menschen“ alle gut drauf sind, um Gefühle und Sehnsüchte zu erspüren (den Androiden "ACAB Taten" zum vollkommenen Moment zu verhelfen). Im Keller wütet hinter einem Vorhang ein Mann, eine Domina (mit reizend betörendem Blick: Lorena) zieht ihren Sklaven auf vier Beinen an der Leine hinter sich her und züchtigt ihn mit ihrer Peitsche. Ein Roboter mit Bewegungen ganz wie C-3PO (Henriette Blumenau , mit verengten Pupillen und leuchtenden Fingerköpfen und Rückenpanzer; Kostüme: David Gonter) sucht Kontakt. Ein Mann (Benedikt Greiner) sträubt sich vehement dagegen, dass in die in uns geschaffenen Löcher keine glänzenden und funkelnden Bioports eingeführt werden. Clubsounds untermalen die mitunter bizarr anmutende Atmosphäre, wobei das ganze umso spannender ist, je mehr „Bio.Menschen“ sich aktiv beteiligen. So wird jeder Abend unterschiedlich verlaufen.
Am Ende war das Publikum eingeladen, einem „halbtrunkenen“ Mann noch kurz auf seine Bahnhofsvierteltour zu folgen. Dies war Regisseur Pedro Martins Beja höchst persönlich. Schamgrenzenfrei sprach er bei dieser Führung Passanten wie Türsteher an und bewies seine Qualität als charismatischer Verführer. Finale Station war bei der besuchten Vorstellung eine einfache Pizzeria. Nach einem weiteren (Überraschungs-)Trunk wurde sich glücklich umarmt und Beja tanzte gar mit einer Besucherin auf einem der wackeligen Stehtische. Hurra, unsere analogen Bedürfnisse sind doch gar nicht so schlecht!

Markus Gründig, Januar 12

P.S. Ein Besuch im bunten Milieu der Kontraste ist auch ohne Theatervorstellung jederzeit möglich (zum Essen gehen oder günstig ausländische Lebensmittel zu kaufen ist das Bahnhofsviertel ohnehin wärmstens zu empfehlen).

Infos zum Stück

Der Kaufmann von Venedig
Schauspiel Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 14. Januar 12 (Premiere)

William Shakespeares 1596/97 entstandene fünfaktige Komödie „Der Kaufmann von Venedig“ gehört zu dessen mittlerer Schaffensperiode, in der auch Komödien wie „Ein Sommernachtstraum“, „Die lustigen Weiber von Windsor“ und „Wie es euch gefällt“ entstanden sind. Der jetzt am Frankfurter Schauspiel gezeigten Fassung von Barrie Kosky (auch Regie) und Susanna Goldberg ist jedoch der komödiantische Teil weitestgehend entzogen worden (wie auch einzelne Rollen und Szenen). Sie konzentriert sich ganz auf den alten christlich-jüdischen Konflikt, der breit, intensiv und plakativ dargestellt wird. Da helfen selbst die Auflockerungen durch den revuehaften Auftritt von Barbara Spitz als Chansonsängerin Sophie (Zusatz im Programmheft: „geboren in Vitebsk, lebt in Brooklyn“) und die Jazzkombo Contrast Quartett (als dessen Solistin sie das Trio Yuriy Sych am Piano, Tim Roth am Bass und Martin Standtke an den Drums zum Quartett vervollständigt) wenig. Zumindest lockern sie die Atmosphäre temporär auf (wie mit Friedrich Holländers satirischem Chanson „An allem sind die Juden schuld“ zu der Melodie von Bizets „Haberna“-Arie aus „Carmen“). Aber es schadet ja auch nicht, einmal etwas nachdenklich aus dem Theater zu gehen und nicht immer beschwingt. Und es ist schön, wenn, wie hier, Theater auch heute noch betroffen macht und berührt, sei es auch etwas zu sehr mit der Holzhammermethode.
Regisseur Barrie Kosky ist längst kein Unbekannter mehr. Der 1967 im australischen Melbourne Geborene inszenierte in der Saison 2010/11 Purcells „Dido und Aeneas“ und Bartóks „Herzog Blaubarts Burg“ an der Oper Frankfurt. In der kommenden Saison wird Kosky den nach Zürich wechselnden Andreas Homoki als Intendant der Komischen Oper Berlin ablösen. So war das Interesse bei der Premiere ganz besonders groß und überregional. Auch der Hessische Rundfunk war mit einem Kamerateam für die Hessenschau anwesend, 3sat für seine wochentägliche „kulturzeit“-Sendung.

Der Kaufmann von Venedig
Schauspiel Frankfurt
Shylock (Wolfgang Michael), Antonio (Michael Goldberg)
© Birgit Hupfeld

Gezeigt wird großes, streitbares Theater auf einer letztlich kammerspielartigen Bühne. Klaus Grünberg schuf nicht wirklich einen sakralen Raum, dennoch wirkt das voluminöse halbe Oval an bis in die Zuschauerreihen reichenden dunkelbraunen Wänden wie ein Kirchenschiff (selbst drei kleine Emporen gibt es). Vor diesem Halboval befindet sich eine runde (Welten-) Scheibe mit ca. sieben Meter Durchmesser. Mehr an Bühne gibt es nicht. Die Darsteller kommen über Treppen aus dem Untergrund oder turnen über die Emporen herab. In ihren modernen schwarzen Anzügen und Kleidchen (Kostüme: Klaus Bruns) wirken sie sehr zeitgemäß. Wobei von ein paar wenigen Bezügen zu Frankfurt sich anbietende aktuelle Themen (wie Staatsverschuldungen, Finanzkonstrukte etc.) vermieden werden.
Dafür gibt es einen halbstündigen (!) Monolog des Reformators Martin Luther (der 18 Jahre vor Shakespeares Geburt gestorben war), in dem dieser seine ursprüngliche Juden freundliche Gesinnung gegen eine krasse antisemitische geändert hat. Peter Schröder trägt den Text sitzend, die Hände im Schoß gefaltet, eindringlich vor (in einem Talar, aber ohne Beffchen). Über ihm hängt eine goldene Glocke, mit deren Läuten er seinen Monolog beginnt und beendet. Eindringlich auch das darauf folgende Bild, wenn eine große („Juden“-) Sau an einem Seil hängend herabgelassen wird, aus derem Anus sodann noch Christoph Pütthoff Sätze aus Richard Wagners „Rheingold“ auf jiddisch spricht (Textauszüge aus weiteren Opern Wagners hat Michael Felsenbaum eigens für das Schauspiel Frankfurt ins Jiddische übersetzt). Ein eindringliches, erschütterndes und gleichzeitig aberwitziges Bild. Eine rituelle Beschneidung eines Erwachsenen steht gar zu Beginn der Aufführung. Michael Benthin als Shylocks Freund Tubal führt sie aus und spricht nebenbei Franz Kafkas Türhüterparabel („Vor dem Gesetz“). Plakativ wird das abgeschnittene Stück Vorhaut dann eingetütet und das Beutelchen an einer Wand befestigt. Am Ende dient die Vorhaut dem gescheiterten Shylock zum erzwungenen Übertritt zum Christentum. Das Schlussbild zeigt ihn blutend, wie er sich dies Stück an sein Glied annäht. 
Kosky konzentriert sich ganz auf die beiden tragischen Figuren des Stücks, auf den Geldverleiher Shylock und den Kaufmann Antonio, der aufgrund seiner Liebe zu Bassanio auch ein Außenseiter ist. Wobei der Abend zweifelsohne der Abend des brillanten Wolfgang Michael ist. Was für ein Charakterdarsteller! Famos wie er den durch seine christliche Umwelt verursachten Wandel vom eigentlich ganz freundlichen, selbstgefälligen und viel lachenden Juden zum von Gram und Hass erfüllten unerbitterlichen Kämpfer um sein Recht vollzieht. Michael Goldberg ist der verliebte Antonio, der sich glücklich in den Schoss seines Freundes Bassanio (offenherzig: Christoph Pütthoff) kuschelt. Henrike Johanna Jörissen gibt eine sensible Jessica, Viktor Tremmel deren energiegeladenen Liebhaber Lorenzo. Nils Kahnwald tänzelt als Lanzelot durch das Geschehen.
Das Ende folgt nicht Shakespeare, es gibt kein wirkliches Happy End, auch wenn die Rechtsprechung am Ende das Leben Antonios gerettet hat. Verloren haben hier alle etwas, sei es Freundschaft, Familie oder Vermögen. Und alle sitzen im gleichen Boot.
Viel Applaus für die Darsteller und nicht unerwartet, einzelne Buhrufe für das Regieteam.

Markus Gründig, Januar 12

Infos zum Stück

nach oben