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Besprechungen: Klassik & Moderne (5)

Liederabend mit Andreas Scholl (Countertenor), Tamar Halperin (Cembalo/Klavier)
Oper Frankfurt, 24. Januar 12

“Man is for the woman made,
and the woman made for man.”

Der erste Liederabend im Jahr 2012 war gleich in mehrfacher Hinsicht ein außergewöhnlicher: weil er von einem Pärchen gestaltet wurde, weil eine Frau am Cembalo/Klavier begleitete und weil ein Countertenor seine „himmlischen“ Klangfärbereien präsentierte. Und nebenbei, weil das Haus ausverkauft war (selbst der Dritte Rang war besetzt). Wobei mit Andreas Scholl natürlich einer der bekanntesten Countertenöre zu Gast war. Der 1,92 Meter große Scholl wurde 1967 im nahen Kiedrich im Rheingau geboren, er ist damit sogar ein richtiger Hesse. Inzwischen ist der in Basel ausgebildete Sänger international bekannt und gefragt (u.a. mit Auftritten beim Glyndebourne Festival, an der New Yorker Metropolitan Opera, auch sang er als erster Countertenor überhaupt bei "The Last Night of the Proms" in London).
Begleitet wurde Scholl von seiner charmanten israelischen Freundin Tamar Halperin, die sich in einem schlichten und süßen schwarz-weißen Kleid präsentierte. Wobei sich die beiden zwar angemessen ernst gaben, aber doch irgendwie recht entspannt und wie frisch verliebt gewirkt haben. Diese Leichtigkeit vermittelte Scholl auch bei seiner selbstbewussten Liedpräsentation, mit spitzbübischen Grinsen und einer jugendlich wirkenden Ausstrahlung. Hauptsächlich begeisterte er das Publikum aber mit seiner außergewöhnlichen Kopfstimme. Dass er diese nur beim Gesang einsetzt, zeigte er mit seinen freundlichen Zwischenansagen, wo er ganz natürlich seine Baritonlage nutzte.

Liederabend Andreas Scholl
Oper Frankfurt, 24. Januar 12
Tamar Halperin (links) und Andreas Scholl (rechts)
© Wolfgang Runkel
www.wolfgang-runkel.de

Außergewöhnlich für einen Liederabend war dann auch das Programm mit einem ausgeprägten Schwerpunkt auf Komponisten des Barock, wobei es hier natürlich die meiste Auswahl für Countertenöre gibt. Wobei die Musik dieser Zeit ihren eigenen Stil hat. Opern gab es damals kaum, dafür war das Theaterwesen wesentlich stärker ausgeprägt. Und für viele Theaterstücke wurden Musikeinlagen komponiert. Purcells bekanntes „Music for a while“ (aus „Oedipus, King of Thebes“) stand zu Beginn des Abends. Mit seiner strengen und antiken Größe bildete es einen würdevollen Auftakt. Gestisch agiler und gelöster war Scholl dann ab dem zweiten Lied, Purcells liebseliger Serenade „Sweeter than roses“.
John Dowland gilt als der bedeutendste Lautenist und Komponist von Lautenliedern und Lautenmusik in England um die Wende vom 16 zum 17 Jahrhundert. Scholl beschrieb ihn als einen, der der Zeit gemäß kultiviert seine Melancholie pflegte und der in der heutigen Jugendsprache als „Emo“ bezeichnet werden würde. Sein innig vorgetragenes Lied „Sorrow stay“ bildete einen ersten Höhepunkt an diesem Abend. Der tieftraurige Text klingt beim Altisten Scholl jedoch nicht abgründig oder schwermütig, sondern wie aus einer anderen Sphäre. Er erreicht Höhen mit strahlend hellen Farben und zaubert einen einzigartigen, edlen und reinen Klang hervor, der weder weiblich noch männlich klingt, eher wie von einem fremden Wesen.
Thomas Campion war ein wichtiger Vorgänger Purcells. Sein „I care not for these ladies“ ist auch ein gutes Beispiel für den schauspielerischen Bezug der Lieder. Scholl sang es mit komödiantischer Freude. Besonders innig und mitfühlend geriet Purcells „O solitude“. Vor der Pause war das Publikum dann bei “Man is for the woman made“ eingeladen, den Refrain mitzusingen, es herrschte eine gelöste Atmosphäre ähnlich zu "The Last Night of the Proms".
Im zweiten Teil folgten zunächst Lieder von Joseph Haydn und Johannes Brahms.
Herausragend hier war das ernste Adagiolied „Recollection“, wo Scholl eine zwischen milder Trauer und ausbrechendem Schmerz wechselnde Stimmung vermittelte. Drei traditionelle Folksongs beendeten das klug durchdachte Programm (dass trotz manch traurig anmutender Lieder recht bunt und froh war).
Tamar Halperin bewies sich nicht nur als verlässliche Begleiterin, sondern auch als souveräne Solistin. Sie präsentierte u.a. eine Suite von Purcell und eine Sonate von Haydn. Wobei sie im ersten Teil ihren Freund an einem zweimanualigen Cembalo begleitete, dem sie viele Klangfarben entlockte.
Die traditionelle Regel nur nach abgeschlossenen Liedgruppen zu applaudieren war an diesem Abend außer Kraft gesetzt. Die Beiden erhielten nach jeder Nummer einen kräftigen Applaus und natürlich auch einen starken Schlussbeifall, wofür sie sich mit zwei Zugaben bedankten. Zunächst mit einer Wiederholung von „Music for a while“ (diesmal allerdings mit Klavierbegleitung) und mit "Oh Lord, whose mercies numberless" aus Georg Friedrich Händels Oratorium Saul.

Markus Gründig, Januar 12

Liederabend mit Klaus Florian Vogt (Tenor), Helmut Deutsch (Klavier)
Oper Frankfurt, 29. November 11

Obwohl einer der populärsten und bekanntesten Liedzyklen, wurde er schon länger nicht mehr vollständig bei einem Liederabend an der Oper Frankfurt gegeben: Schuberts fröhlich beginnender und klingender, aber tragisch endender Zyklus „Die schöne Müllerin“. Nachdem Daniel Behle bei seinem Liederabend im vergangenen September die ersten sieben Lieder vorgetragen hatte, präsentierte der Heldentenor Klaus Florian Vogt nun den gesamten Zyklus (ohne Pause). Vogt hat in den letzten Jahren mit seinen Auftritten als Lohengrin oder Walther von Stolzing in Bayreuth für großes Aufsehen gesorgt. Durch die diesjährige Lohengrin-Live-Übertragung auf arte wurde er auch einem breiten Publikum bekannt (an der Oper Frankfurt debütierte er bereits 2009 als Paul in Korngolds „Die tote Stadt“). Der mit seinem blonden, schulterlangen Haar noch jugendlich Wirkende, hat also schon die Königsübung Bayreuth mit Bravour bestanden und auch u.a. an der Mailänder Scala, der Wiener Staatsoper und der MET das Publikum bezaubert. Ein Liederabend klingt zunächst nicht so anspruchsvoll wie eine umfangreiche Opernpartie, aber gerade Schuberts „Müllerlieder“ sind für Sänger eine Herausforderung. Viel Text ist zu bewältigen, dabei ist die Gesangslinie zu halten und Ausdruck und Stil sind zu beachten. Größen wie Peter Pears, Fritz Wunderlich, Dietrich Fischer-Diskau, Thomas Quasthoff und Jonas Kaufmann haben sich den „Müllerliedern“ angenommen und in ihre Discografie aufgenommen.

Liederabend Klaus Florian Vogt
Oper Frankfurt, 25. Oktober 11
Helmut Deutsch (links) und Klaus Florian Vogt (rechts)
© Wolfgang Runkel
www.wolfgang-runkel.de

War es die Ehrfurcht vor einem Vergleich oder die warme und trockene Luft im Raum, Vogt brauchte jedenfalls einen Augenblick, um als wandernder Müllerbursche wirklich anzukommen. Dann aber zog er das zahlreich erschienene Publikum vor allem mit seinem unglaublichen Legato, das er mit unbeschwerter Stimme ausdauernd, farbenreich und frisch präsentierte, in seinen Bann. Jedes der zwanzig Lieder gestaltete er unterschiedlich und nuancenreich. Seinen jugendlich anmutenden Schmelz brachte er bei “Danksagung“ bestens zur Geltung. Fast knabenhaft und verliebt gab er “Der Neugierige“, glockenklar war er bei „Pause“, wo er ganz besonders seine Fähigkeit, leisen Töne ein großes Maß an Volumen zu geben bewies. Lied Nummer 16, “Die liebe Farbe“ läutet das Anfang vom Ende ein: Der Müllerbursche verfällt in seine Schwermut. Vogt sang „Mein Schatz hat´s Jagen so gern“ und „Mein Schatz hat´s Grün so gern“ so intensiv und klangschön, dass selbst die Dauerhuster im Publikum erstummten.
Am Klavier begleitete ihn Deutschlands renommiertester Liedbegleiter, der am 30. Oktober 11 an der New Yorker MET mit Jonas Kaufmann einen Liederabend gestaltete (und mit diesem auch eine CD der Müllerlieder eingespielt hat). Sein Stil war sehr sängerfreundlich. Nur bei wenigen Liedern kostete er die Lautstärke des Klaviers aus (wie beim Schluß von „Mein!“). Er spielte als zuverlässiger, stiller Begleiter, mehr wie ein ruhig dahin fließender Bach, denn als reißerischer Fluss.
Nachdem das Publikum mit seinem ausdauernden Applaus die schwere Luft weggeklatscht hatte, gab es als Zugabe etwas Leichtes: Franz Lehárs „Dein ist mein ganzes Herz“ (aus der Operette „Das Land des Lächelns“). Dies wirkte auch auf Vogt befreiend und passte mit dem tief empfundenen Liebeseindruck durchaus auch zu den zarten Müllerliedern (von den Textparallelen zu „Ungeduld“ einmal ganz abgesehen).

Markus Gründig, November 11


Vogts erste CD („Heros“) erscheint am 20. Januar kommenden Jahres bei Sony Classical. Es ist ein Live-Mitschnitt seines Konzerts an der Deutschen Oper Berlin vom Juli 2011. Zusammen mit dem Orchester der Deutschen Oper Berlin unter Peter Schneider ist er in den Helden-Partien zu hören, mit denen er zum international gefeierten Tenor aufgestiegen ist. Neben Lohengrin singt er Arien aus Mozarts „Zauberflöte“, Korngolds „Die tote Stadt“ und Wagners „Meistersingern“. Abgerundet wurde der Abend mit Ausschnitten aus deutschen romantischen Opern von Carl Maria von Weber (Der Freischutz, Oberon), Albert Lortzing (Zar und Zimmermann) und Friedrich von Flotow (Martha). Die Debüt-CD erscheint in einer limitierten aufwändigen Deluxe-Edition mit einer Bonus-DVD, in der Ausschnitte aus einer umfangreichen Dokumentation über den Werdegang von Klaus Florian Vogt zu sehen sind. Die komplette Dokumentation erscheint parallel als DVD. CD-Nr.: 88697944702 (Deluxe-Edition mit Bonus-DVD) (Sony Classical)88691926539 (DVD)

Liederabend Christian Gerhaher (Bariton), Martin Walser (Rezitation), Gerold Huber (Klavier)
Oper Frankfurt, 25. Oktober 11

Und wie Nebel stürzt zurücke,
Was den Sinn gefangen hält,
Und dem heitern Frühlingsblicke
Öffnet sich die weite Welt
(Ludwig Tieck)

Christian Gerhaher ist dem Frankfurter Publikum eng verbunden, hat er an der Oper Frankfurt nicht nur bereits drei Partien (den Orfeo in Monteverdis „L’Orfeo“, den Wolfram in Wagners „Tannhäuser“ und den Eisenstein in Strauß´ „Die Fledermaus“) gesungen, auch gab er hier schon zwei Liederabende (2006 und 2009), nun folgte der dritte. Unterstützt wurde der u.a. mit dem Echo-Klassik (als bester Sänger) und dem Rheingauer Musikpreis ausgezeichnete Interpret diesmal nicht nur von seinem langjährigen Klavierbegleiter Gerold Huber, sondern auch von Martin Walser (dessen jüngster Roman „Muttersohn“ erst diesen Sommer bei Rowohlt veröffentlicht wurde).
Grund, als Trio aufzutreten, war das außergewöhnliche Programm mit Liedern von Johannes Brahms. Der oftmals als „konservative Akademiker“ betitelte Brahms (weil er sich intensiv mit älterer Musik, vor allem des 16. - 18. Jahrhunderts beschäftigte), galt nach dem Tod Richard Wagners als der größte lebende deutsche Komponist. Er war auf nahezu allen musikalischen Gebieten tätig. Erfolge erreichte er in der Chorsymphonik („Deutsches Requiem“) und in der Instrumentalmusik (wie z.B. mit den beiden Streichquartetten op. 51 Nr. 1 und 2, den Haydn-Variationen für Orchester op. 56a und seiner 1. Symphonie). Brahms war aber auch ein äußerst produktiver Liedkomponist (rund 300 Lieder). Für den Liedzyklus „Die schöne Magelone“ (Opus 33) griff er auf ein neu erzähltes Volksmärchen des Berliner Dichters Johann Ludwig Tieck (31.5.1773 - 28.4.1853) zurück. Dabei handelt es sich um einen Märchenstoff aus der Provence mit Ursprüngen aus „1001 Nacht“.
Für Christian Gerhaher und die oberfränkischen Festspiele „Lied und Lyrik“ der Bayerischen Akademie der Schönen Künste hat Martin Walser Tiecks Text bearbeitet, gestrafft und in eine zeitgemäße Form gebracht. Unverändert blieben die 18 in der Erzählung eingebetteten Gedichte, von denen Brahms 15 für seinen Zyklus verwendet hat. Sie reden die Sprache höfischer Liebeslyrik des mittelalterlichen Minnegesangs. Überwiegend Vortragender ist der Graf Peter. Zwei Lieder (Magelones „Wie schnell verschwindet“ und der Heidin Sulimas „Geliebter, wo zaudert dein irrender Fuß?“) müssten zwar von Frauenstimmen vorgetragen werden, doch hat sich dies in der Vortragspraxis nicht durchgesetzt, ebenso wenig wie das einleitende Lied des Spielmanns „Keinen hat es noch gereut“. Wobei der Zyklus auch „Der schöne Peter“ heißen könnte. Denn über ihn, welcher als die Freude des Vaters und der Mutter erwuchs, der groß und herrlich von Gestalt war, prächtige Haare und ein zart jugendliches Gesicht hatte, der in allen Waffenübungen wohlerfahren war und ein einnehmendes Wesen hatte, sodass niemand sein Feind sein konnte, erfährt man wesentlich mehr als über die nur schöne Königstochter Magelone aus der Stadt Neapolis.

Liederabend Christian Gerhaher
Oper Frankfurt, 25. Oktober 11
Gerold Huber und Christian Gerhaher
© Wolfgang Runkel
www.wolfgang-runkel.de

Wobei Brahms selber die 15 Vertonungen ursprünglich losgelöst von der Tieckschen Prosa wissen wollte und anfänglich gegen eine Einbettung in die Geschichte war. Doch anders als seine sonstigen Lieder und die Lieder Schuberts oder Schumanns, entspringt die Gefühlswelt der Magelone-Lieder unmittelbar aus der Geschichte (weshalb sie trotz ihres melodiösen Reichtums als einzelnes Lied keine Popularität erreicht haben). Für einen Liederabend ist die Kombination jedenfalls ein schönes Programm. Es wartet nicht so sehr mit romantischer Schwermütigkeit und Verzweiflung auf, sondern mit einem gewissen sommerlichen Frohsinn (und auch manch Stürmen) und endet mit einem Happy End, wie es sich nun einmal für ein schönes Märchen gehört.
Magnet für diesen Abend in der voll besetzten Oper Frankfurt war aber nicht nur Gerhaher und Huber am Klavier, sondern auch der 84-jährige Martin Walser als Rezitator. Er trug seine Bearbeitung der Tieckschen Liebesgeschichte der schönen Magelone und des Grafen Peter von Provence (der vollständige Text ist im Programmheft abgedruckt worden) ruhig und mit verschmitzten Wendungen vor. Wo es bei Tieck beispielsweise nach der Ammes Zusage an Peter er könne Magelone treffen, etwas umständlich heißt „Eingedämmert von Erwartungen, banger Sehnsucht und ängstlicher Hoffnung, schlief er auf seinem Ruhebette ein… Er raffte sich auf, und dachte, was er ihr sagen wolle; er erschrak jetzt vor dem Gedanken, dass er sie sprechen müsse; dennoch war es sein herzinniglichster Wunsch, er konnte sich nicht besänftigen…“, heißt es bei Walser moderner und prägnanter: “Er konnte es nicht fassen, er konnte es nicht glauben, er wusste nicht, wie er die Stunden und die Minuten und die Sekunden aushalten sollte, bis es so weit sein würde…“ . Dazu hat Walser auch heute sprachlich Unbekanntes und Diskriminierendes geändert. Der rote Zindel (ein taftähnliches Seidengewebe) als Aufbewahrungsort für die drei Ringe der Mutter ist jetzt eine rote Kapsel, die Neger auf dem Schiff sind natürlich Dunkelhäutige.

Liederabend Christian Gerhaher
Oper Frankfurt, 25. Oktober 11
Christian Gerhaher, Martin Walser, Gerold Huber
© Wolfgang Runkel
www.wolfgang-runkel.de

Der Abend wurde durch das harmonische Wechselspiel zwischen Walsers Rezitation und Gerhahers Liedgesang zu einem außergewöhnlichen Ereignis (wobei Gerhaher zusätzlich die beiden nicht vertonten Romanzen am Ende des Zyklus kunstvoll rezitierte). Seine noble Gesangstechnik, die subtile Darbietung kleinster Stimmungsschwankungen bei stets starker Präsenz seiner wunderschön timbrierten Baritonstimme verlieh jedem der 15 Romanzen eine eigene Note. Nach dem stürmischen Auftaktlied „Keinen hat es noch gereut“ und dem in Moll stehenden und vehement vorgetragenen Aufbruchslied „Traun! Bogen und Pfeil“, folgte mit „Sind es Schmerzen, sind es Freuden“ ein erster Höhepunkt, trägt es doch fast schon opernhafte Züge (Arioso, Rezitativ und Stophe). Dabei reflektiert es auch ganz im Sinne der Romantik eine tiefe Sehnsucht („Ach, Lust ist nur tieferer Schmerz“), die Gerhaher intim gestaltete (um dann im vorletzten Satz ganz besonders kräftig die „r“ zu betonen). Die erwachenden Glücksgefühle des mit frischem Mut gefassten Grafen Peter vermittelte Gerhaher bei „Willst du des Armen dich gnädig erbarmen?“ mit aufblühendem Kolorit. Zweiter Höhepunkt war das intime und zärtliche Schlaflied „Ruhe, Süßliebchen“, das vielleicht bekannteste Lied des Zyklus. Gerhaher vermied Anflüge von Sentimentalität und trug es erst innig und dann forciert vor. Kontrastierend folgte „So tönet dann, schäumende Wellen“, Peters Gesang in höchster Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung, nachdem ein Rabe die wertvollen Ringe geraubt hat.
Gerold Huber am Klavier zeigt von allen Dreien die stärkste körperliche Hingabe. In vielen Liedern gilt es Peters atemloses Treiben durch rhythmische Differenzierung auszudrücken, geht es bei diesem Zyklus um mehr als um ein dekoratives Begleiten. Huber legte sich nicht nur gehörig in die Tasten, sondern gab die vielen von Brahms eingearbeiteten Feinheiten als feine Klanggebilde wieder (deutlich bei Magelones „Wie schnell verschwindet so Licht als Glanz“ und bei Sulimas „Geliebter, wo zaudert dein irrender Fuß?“, bei dem das Klavier eine begleitende Zither imitiert). Dritter Höhepunkt war das überragende Finallied „Treue Liebe dauert lange“, ein Lied mit anspruchsvollem Aufbau und kühner Modulation, eine Hymne, die den Abend festlich beendete. Zu diesem waren auch viele Gesangskollegen Gerhahers aus der Oper Frankfurt gekommen, wie auch die Ring-Regisseurin Vera Nemirova (deren mit Spannung erwarteter „Siegfried“ in wenigen Tagen an gleicher Stelle Premiere feiern wird).
Viel Applaus für das Trio, für einen überragenden Liederabend.

Markus Gründig, Oktober 11

Liederabend Daniel Behle (Tenor), Sveinung Bjelland (Klavier), Andy Miles (Klarinette)
Oper Frankfurt, 27. September 11

Wisst ihr, warum der Sarg wohl
So groß und schwer mag sein?
Ich senkt’ auch meine Liebe
Und meinen Schmerz hinein.
(Heinrich Heine)

Das gegenwärtige schöne Altweibersommerwetter mit hohen Temperaturen und Sonne satt steigert die Stimmung und sorgt für Glücksgefühle. Und doch umweht eine zarte Wehmut die gute Laune, dass solche Temperaturen und Anwandlungen für die nächsten sieben Monate vorbei sein werden. Dazu passte der schöne spätsommerliche Strauß in orangen Farbtönen und mit frischen Gräsern, der beim ersten Liederabend der neuen Saison die Bühne der Oper Frankfurt zierte. Nachdem die amerikanische Mezzosopranistin Jennifer Larmore die Liederabendsaison 2010/11 mit einem heiteren Potpourri aus klassischem Liedgut, Oper und Musical beendete, eröffnete der deutsche Tenor Daniel Behle jetzt die neue Liederabendsaison in der sehr gut gefüllten Oper Frankfurt mit einem klassischen Kunstliedprogramm. Die Auswahl von Liedern aus populären Liedzyklen spiegelte perfekt das romantische Stimmungsgefüge zwischen todesnaher Liebessehnsucht und träumerischer Schwärmerei.

Liederabend Daniel Behle
Oper Frankfurt, 27. September 11
Sveinung Bjelland und Daniel Behle
© Wolfgang Runkel
www.wolfgang-runkel.de

Zu Beginn stand das erste Drittel an Liedern aus Franz Schuberts Zyklus „Die schöne Müllerin“. Dieser ist, wie auch „Die Winterreise“, eine Zusammenfügung fest miteinander verketteter Gesänge, die eine Handlung erzählen und aus vielen einzelnen, in sich geschlossenen Liedern bestehen. Wobei der idyllische Titel „Die schöne Müllerin“ zwar eine gewisse Fröhlichkeit impliziert, doch ist dieser Zyklus tragischer als die düsterer anmutende „Winterreise“ (bei der am Ende der Protagonist zwar hoffnungslos einer ungewissen Zukunft entgegenblickt, aber nicht tot ist). „Die schöne Müllerin“, basierend auf Dichtungen von Wilhelm Müller, handelt von einem Müllerburschen, der sich unglücklich verliebt und seinem Leben schließlich ein Ende setzt. Wichtigster Begleiter und Vertrauter auf seinem Weg ist ein Bach, dem er seine Gefühle anvertraut und der ihn schließlich in den Todesschlaf singt. Das einleitende Lied „Das Wandern“ ist in der Vertonung von Karl Friedrich Zöllner als Volkslied („Das Wandern ist des Müllers Lust) weithin bekannter als Schuberts Fassung. Beim zweiten Lied „Wohin“ tritt dann unbeschwert fließend der Bach musikalisch in Erscheinung. Spätere Tragik deutete sich darin aber schon an („Du hast mit deinem Rauschen mir ganz berauscht den Sinn“). Im vierten Lied, dem ruhigen „Danksagung an den Bach“ ist der Bursche inzwischen auch der schönen Müllerin begegnet und erklärt seine Liebe zunächst dem Bach. Lebhafter dann „Am Feierabend“. Eingeleitet von harten Akkordschlägen und folgenden kreisenden Sechzehntelbewegungen wird hier der Alltag in der Mühle in den Blickpunkt gerückt, mit einem Lob des Meisters und dem Nachtgruß des „lieben Mädchens“.
Innig und wehmütig „Der Neugierige“, bei dem der Bursche den Bach nach einer Antwort für seine Gefühle fragt, doch dieser bleibt stumm. In Form der Klavierbegleitung versinkt die Antwort des Baches am Ende in stiller Tiefe. Als letztes Lied aus diesem Zyklus folgte Lied Nummer sieben „Ungeduld“. Voll drängenden Liebesüberschäumens erinnert es an „Dein ist mein ganzes Herz“ aus Lehars Operette „Das Land des Lächelns“. Das Rauschen und Fließen des Baches bei diesen Liedern ließ Sveinung Bjelland mit feinem, spielfreudigem Gespür erklingen. Der norwegische Pianist war bei den folgenden Liedern genauso ein ersprießlicher Begleiter. Den „Müllerin-Liedern“ folgten vier weitere Schubert Lieder, davon drei überaus bekannte („Heidenröslein“, „Du bist die Ruh“ und „Die Forelle“) und das seltener vorgetragene 12-minütige Konzertstück „Der Hirt auf dem Felsen“. Letzteres widmete Schubert der Sängerin Anna Milder. Die Kantate ist eigentlich eine Perle für Koloratursängerinnen. Das Klavier hat hier nur eine begleitende Funktion, dafür übernimmt eine Klarinette die Funktion einer Schalmei für den Hirten. Als froh gelaunter Hirte sorgte Andy Miles mit seinem virtuosen Spiel für einen lebhaften Eindruck vom alpinen Charakter der Szene. Gesang, Klarinette und Klavier ertönten zu einem harmonischen Ganzen, von dem man gerne mehr hören würde. Den ersten Teil beschloss Behle mit „Sechs Lieder“ von Edvard Grieg (Opus 48), die dieser deutschen Dichtern gewidmet hatte. Also hier trotz norwegischem Komponisten auch ein enger Bezug zur deutschen Romantik.
Nach der Pause folgte Robert Schumanns 16 Lieder umfassender Zyklus „Dichterliebe“. Schumann stand, wie viele andere Komponisten seiner Generation auch, zunächst vor der schwierigen Aufgabe, nach Franz Schuberts Triumphzug als Liedschreiber ein eigenständiges Format zu finden. Dabei hatte dann Beethovens Liederzyklus „An die ferne Geliebte“ einen nicht unerheblichen Anteil. Das Jahr 1840 wurde dann zu Schumanns Jahr, denn er komponierte 138 Gesänge. Unter diesen Gesängen war auch die „Dichterliebe“, die er der Sängerin Wilhelmine Schröder-Devrient zueignete. Musik war für Schubert eine „Geistersprache des Gefühls“. Schon der Titel deutet an, dass es sich um keine gewöhnliche Liebe handelt, war er ja selber auch fast ein Dichter. Die Liebe wird hier trotz aller Tiefe nicht zu ernst gesehen, stets wird sie spielerisch umtändelt. Zur „Dicherliebe“ zählen heitere Klassiker wie „Im wunderschönen Monat Mai“, „Die Rose, die Lilie, die Taube“ und „Ein Jüngling liebt ein Mädchen“, die Behle, mit einem großen Maß an Energie getragen, leidenschaftlich vortrug. Einnehmend, verklärend und bezaubernd sind aber viel mehr die stillen, die fein gezeichneten Lieder. Hierbei konnte Behle seine subtile Gesangstechnik demonstrieren, bei ausgezeichneter Diktion. Beim Schlussstück „Die alten, bösen Lieder“ hat der Sänger die Liebe und seinen Schmerz begraben. Aber das ist nicht das Ende. Das Klavier spielt weiter und führt den Sänger einer höheren Ebene zu, die der Poesie.
Daniel Behle, von 2007 bis 2010 Ensemblemitglied der Oper Frankfurt, gab sich von Beginn an als würdiger Vertreter des Kunstlieds. Mit feinem Gespür für Modulationen und Betonungen war sein Vortrag sehr konzentriert und technisch hervorragend gestaltet. Dabei glänzte er mit seiner Natürlichkeit und eleganten Art. Zu Recht daher am Ende viel Applaus. Bei den drei (!) Zugaben (allesamt Lieder aus „Die schöne Müllerin“: „Eifersucht und Stolz“, „Die liebe Farbe“ und „Die böse Farbe“) gab Behle sich dann deutlich gelöster. Ein viel versprechender Auftakt der Liederabendsaison 2011/12 an der Oper Frankfurt.

Markus Gründig, September 11

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